Vor dem Stadttitel
Als Differdingen noch keinen Stadttitel besass
Bevor die Eisenhütte gebaut wurde, war Differdingen noch eine typische Dorfgemeinde. Die Einwohnerzahl blieb zwischen 1800 und 1880 relativ stabil. Sie stieg im Laufe der 80 Jahre konstant von 1.129 auf 2.626, um dann nach dem Bau der Schmelz auf 7.929 zu schnellen und sich schliesslich 30 Jahre später bei 18.000 einzupendeln. Die Einwohner der Gemeinde waren Kleinbauern, Tagelöhner und kleine Handwerker. Die hygienischen Zustände waren für heutige Verhältnisse katastrophal nicht zuletzt wegen der Misthaufen vor den Häusern. Cholera und Typhus grassierten. Mit ihren Haustieren, kleinen Aeckern und Gärten versorgten sich die Familien vor allem selber. Von den 2.218 Hektar Gemeindefläche fielen rund 1.500 auf Aecker, Weiden und Gärten. 1873 zählte man 259 Pferde, 768 Stück Rindvieh, 1 Maulesel, 118 Schafe, 1049 Schweine, 211 Ziegen und 55 Bienenstöcke. Mit dem Gemeindeeigentum nahmen es die Bewohner damals nicht so genau. Die ans Haus stossenden Strassen, Wege und Wiesen wurden ohne Skrupel als Lagerplatz für Holzstösse, Baumaterial, oder als Abfallhalde benutzt.
Eine Wasserleitung gab es zu dem Zeitpunkt noch nicht. Das Wasser wurde an den öffentlichen Brunnen geholt. Es gab Tränken und Waschbrunnen. In der Sektion Differdingen gab es den« Iwergaasserbur » (heute Grossstrasse), den « Weihergaasserbur » (heute rue Roosevelt)), « um Pillchen » den « Lachgaasserbur » (heute rue St. Nicolas) und den « Kreizbur » (heute av. Charlotte). Verschiedene Häuser besassen ihren eigenen Brunnen im Keller.
Die meisten Häuser waren mit Stroh gedeckt. Die Brandgefahr war also gross. Deshalb gab es etliche Reglemente, welche die Feuergefahr bannen sollten : Der Kamin musste eine bestimmte Höhe haben, um weit genug vom Stroh entfernt zu sein, Flachs und Hanf, die damals in den Gärten angepflanzt wurden, durften nicht bei Kerzenlicht bearbeitet werden. Alljährlich wurden Kamine und Backöfen auf ihre Feuerfestigkeit untersucht und bei Ausbruch von Feuer musste jeder Familienvater Eimer, Kübel, Leiter und Werkzeug zur Verfügung stellen. Wagen mit Holz-oder Kohlenladungen durften nicht in der Nähe der Häuser ausspannen oder halten.

Um 1830 gab es noch keine Schulen in der Gemeinde. Der Unterrricht wurde in den Privaträumen des Lehrers abgehalten. 1837 hatte der Niederkorner Lehrer sogar einen Schulsaal auf eigene Rechnung gebaut. Die Oberkorner errichteten 1844 einen Schulsaal, damit die Kinder nicht nach Differdingen gehen mussten. Das erste Schulhaus war 1844 fertig, nachdem der Baron de Soleuvre einen Teil seines Besitzes gegenüber dem Schloss (im Grousse Gaart) der Gemeinde geschenkt hatte. Diese Schule war für die Differdinger und Oberkorner Schüler geplant. Das Gebäude befand sich an der Stelle wo jetzt das frühere Stadthaus steht. Eine Plakette an der seitlichen Fassade erinnert an diese Schenkung. Es gab noch keine Schulpflicht. Das Gehalt des Lehrers aber auch seine Ausbildung waren miserabel.
Um die Jahrhundertwende, als die Bevölkerungszahl explodierte mussten neue Schulgebäude her. Das älteste heute noch bestehenden Gebäude ist die « al Haushaltungsschoul » damals Knabenschule « op der aller Kapell » (heute Bergstrasse).

Zwischen 1900 und 1924 entstanden in der Gemeinde 7 weitere Schulgebäude.
1860 wurde in der Sektion Differdingen eine Kirche neben dem Schulgebäude im « Grouss Gaart » errichtet. Das Gelände dafür hatte die Gemeinde vom Baron de Soleuvre abgekauft. Niederkorn hatte bereits 1854 mit dem Bau einer Kirche begonnen . Die Oberkorner Kirche ist viel älter. Der Turm stammt aus dem Jahr 1738.
Der bäuerliche Charakter der Gemeinde blieb zum Teil auch noch bis ins Industriezeitalter erhalten, wie folgender Auszug eines Spottlieds aus einer Fastnachtssitzung des Differdinger Vereins « Differdange-Attractions » aus dem Jahre 1908 zeigt :
« --Plötzlich wurde es bekannt :
Differding zur Stadt ernannt.
Freud über alle Maßen
Und dabei prangen immer noch :
Misthaufen an den Straßen.
Es hat den Anstrich einer Stadt
Wenn man den Dreck durchwatet hat --«
Hauptquelle : Aline Goergen-Jacoby: Die Gemeinde Differdingen von 1795 bis 1930
Bildzeilen : Der dörfliche Charakter blieb lange erhalten
Die Strasse als Materiallager
Die alte Differdinger Pfarrkirche mit Friedhof
r. fleischhauer




