Streik 1942
Von tapferen Arbeitern und Verrätern
Am 30. August 1942 (Kirmessonntag) verkündete der Gauleiter Gustav Simon auf einer “Großkundgebung“ in den Limpertsberger Ausstellungshallen, ab jetzt besäßen alle Luxemburger die deutsche Nationalität und die jungen Jahrgänge würden infolgedessen zum Kriegsdienst eingezogen. Die Resistenzorganisationen hatten schon frühzeitig von diesem Beschluß Wind bekommen und verteilten bereits den Aufruf zum Generalstreik. Doch es hätte dieses Aufrufes nicht einmal bedurft: Die Reaktionen im Land kamen spontan: Angefangen in Wiltz wo die Lehrerschaft und die Belegschaft der Ideal-Lederfabrik bereits am 31. August in den Streik traten. Ueberall gab es an den folgenden Tagen Streik-und Protestaktionen: in Ettelbrück, in Diekirch, auf der Schifflinger Hütte, in Düdelingen, in Kehlen, wo die Bauern die Milch in die Gosse kippten, auf “Terres-Rouges “in Esch, in fast allen Lyzeen und in der Normalschule, in der hauptstädtischen Post, in den Erzgruben usw. Die Gestapo reagierte sofort: Das Standrecht wurde eingeführt. Ein Exempel mußte statuiert werden. Nach fiktiven Verhandlungen vor dem Standgericht wurden sehr schnell Todesurteile gefällt und auf blutroten Plakaten überall im Land verkündet.
Auf der Differdinger HADIR hatte man beschlossen erst am 2. September zu streiken, zu dem Zeitpunkt also, als die roten Plakate bereits aushingen. Man wußte also , was man riskierte.
Am 2. September erschienen 156 Arbeiter aus dem Walzwerk nicht auf der Frühschicht. Das Blockwalzwerk konnte also nicht anfahren. Der Hochofenbetrieb und das Stahlwerk liefen. Es wurde hauptsächlich im Walzwerk und im Maschinenbetrieb gestreikt. Die deutsche Direktion geriet in Panik. Der “Betriebsobmann“ Krause versuchte sogar, die Arbeiter, die Schicht hatten, aus ihren Wohnungen zu holen. Den Streikenden wurde die Exekution angedroht. Ernest Toussaint stand vor dem Portal und versuchte, die langsam anrückenden Arbeiter von ihrer Arbeitsstelle abzuhalten. Worte, wie “Feigling“ usw fielen. Ernest Toussaint wurde vom Polizeileutnat Jaegen verhaftet. Gegen viertel vor 8 Uhr war ein Großteil der Arbeiter wieder in ihrem Betrieb und die Hütte funktionierte wieder. Gegen 8 Uhr brach dann eine Art Bummelstreik in der Zentralwerkstatt aus. An die 50 Leute standen neben ihren Maschinen oder saßen auf ihrer Werkbank. Andere standen im Hof und unterhielten sich. Doch da gab es den deutschen Werkzeugausgeber Nikolaus Medinger, der die Gelegenheit wahr nahm, Rache an einigen zu üben, welche ihm nicht gut gesinnt waren. So denunzierte er u.a. Alphonse Weets, einen Belgier, J.P. Schneider, Nic Betz und Robert Mischo. Die vier, welche nach den Aussagen des Betriebschefs Margue im Kriegsverbrecherprozess 1951 nicht mehr taten, als all die anderen, wurden zu “Rädelführern“. Nikolaus Medinger war als fanatischer Nazi für seine Denunziationen sogar bei der Direktion gefürchtet. Er wurde allerdings nie zur Rechenschaft gezogen, obschon seine Arbeitskollegen nach dem Krieg mehrmals Klage gegen ihn erhoben hatten. Der Sitzstreik dauerte bis ungefähr 10 Uhr.
Nachmittags ging es dann los: J.P Schneider, Nicolas Betz, Alphonse Weets, Robert Mischo und René Angelsberg wurden zuhause verhaftet. Zusammen mit Ernest Toussaint wurden sie ins Differdinger Stadthaus und dann nach Esch in die Villa Seligmann überführt, wo sie nach Gestapoart verhört wurden. Am folgenden Tag, als Eltern und Ehefrauen nach den Verhafteten schauen wollten, hingen bereits die Plakate mit den Todeurteilen aus. Die 6 wurden in Hinzert erschossen. Viele andere waren verhaftet worden oder erhielten schriftliche Verwarnungen.
Insgesamt 20 Luxemburger wurden infolge der Streikaktionen von den Nazischergen exekutiert. Der Deutsche Hans Adam, der in Schifflingen den “Bier“ in Betrieb gesetzt hatte, um zum Streik aufzurufen, wurde, weil er Deutscher war, in Köln-Klingelpütz geköpft.
Mit seinen 6 Naziopfern hat das Differdinger Hüttenwerk den höchsten Blutzoll für den Protest gegen die Zwangsrekrutierung der Luxemburger bezahlt. 2572 junge Luxemburger mußten in der Folge ihre Zwangsrekrutierung mit dem Leben bezahlen. Die Streikaktionen in Luxemburg fanden in der internationalen Presse ein starkes Echo. Titel wie « Luxemburgs Courage“, “ General Strike dares Nazi-Rule in Luxemburg“, “Valiant Luxemburg“, “Brave Luxemburg“ konnte man in den verschiedenen Zeitungen finden.
Bis heute wird der 2. September in der Differdinger Schmelz jährlich um 9 Uhr durch Blumenniederlegungen und stilles Gedenken am Portal und in der Zentralwerkstatt begangen.
Bildzeilen : Erinnerungsplakette in der Zentralwerkstatt

Schriftliche Verwarnung
r. fleischhauer




