Stadttitlel 1907

 

 

 

Der Stadttitel löste keine Euphorie aus

 

 

Durch Gesetz vom 4. August 1907 veröffentlicht im Memorial No 42 vom Samstag, den 10. August 1907 wurde den Ortschaften Differdingen, Düdelingen, Ettelbrück und Rümelingen kurz und bündig der Stadttitel verliehen « Article unique. La qualification de ville est attribuée aux localités de Differdange, Dudelange, Ettelbruck et Rumelange. » Unterschrift : « Saint Blasien, le 4 août 1907 sign. Guillaume » und « Le Directeur général de l’Intérieur H. Kirpach. »

 

 

Grosse Pläne..

 

Im Gemeinderat nahm man sich vor, den Stadttitel zu feiern. Das Luxemburger Wort bemerkt bereits am 31. Juli 1907 in der Lokalchronik unter Differdingen : »Wie verlautet, sollen zur Einweihung des kürzlich verliehenen Stadttitels grosse Festlichkeiten geplant sein. »

 

Im Januar 1908 setzte der Rat im Haushalt einstimmig 10.000 Franken für Feierlichkeiten zur Verleihung des Stadttitels ein. Sie sollten im Mai oder Juli desselben Jahres stattfinden. In der Sitzung vom 19. Oktober 1907 legte der damalige Bürgermeister Dr Conzemius den Entwurf eines Stadtwappens vor.  Er liege dem Wappen der Herren von Differdingen aus dem 13. Jahrhundert zu Grunde, betonte er. Man werde auch eine Kupfergravur mit Wappen und Gesetzestext der Stadttitelverleihung anfertigen und im Sitzungssaal anbringen lassen. Dafür wurde dem Schöffenrat ein Kredit von 250 Franken bewilligt Allerdings unterscheidet sich der darauf abgebildete Löwe von demjenigen, den man heute allgemein auf dem Differdinger Wappen sieht. (Doppelschwanz, Krone..). Die Gravur hängt jetzt rechts hinter der Eingangstür des Stadthauses .

 

 

Mit Begeisterung zählt der Korrespondent der « Escher Zeitung » auf, was so alles für die Feierlichkeiten geplant sein sollte : Die Feier soll sich auf zwei Tage erstrecken. Es geht die Rede von einem Fackelzug am Vorabend, einem historischen Umzug, Festreden, Konzerten, Bällen und Illuminationen. Am zweiten Tag sei ein Blumenfest mit den Schulkindern vorgesehen, das Aufsteigen eines « Luftballons » mit Personen, Volksbelustigung, « Taubenstechen »( *), Kinderspiele, Preiskegeln, Volksball und Volksbelustigungen am Abend. 4 Militärkapellen , eine luxemburgische, eine deutsche, eine belgische und ein französische sollen spielen. Auf dem Marktplatz soll Volkstheater stattfinden. Weiter hat man einen Sängerwettstreit, einen « Schönheits-Concours », die Verteilung der « Tugendrose »( **), ein Hundewettrennen, ein Blumencorso vorgesehen. Präsident des Festkomitees sei das Ratsmitglied Emil Mark, also « müsse  die Sache gehen »

 

 

 

 

Aber kein Ergebnis.

 

Doch über die Feierlichkeiten in Esch, Rümelingen und Düdelingen wird im Laufe des Jahres 1908 in der Presse berichtet. Eine Feierlichkeit in Differdingen wird jedoch nirgends erwähnt. Nur so zwischen den Zeilen in der Presse und im Beratungsregister des Gemeinderats liest man heraus, dass es wohl Unstimmigkeiten unter den Gemeindeädilen gab und dass vielleicht deshalb überhaupt nicht gefeiert wurde.

 

Im Jahre 1909 beging die Differdinger Musikgesellschaft die seit 1907 offiziell den Titel eines « Stadt »-musik ihr 25-jähriges Bestehen mit einem Festival. In der Gemeinderatssitzung vom 7. April wurde der Vorschlag gemacht, dieses Festival mit den Stadteinweihungsfeiern zu verbinden.

 

In der Gemeinderatssitzung vom 26. Juni 1909 wurde dann erneut über die Gewährung des Subdids an die Stadtmusik aus Anlass ihres Festivals abgestimmt. Bürgermeister Dr Conzemius bemerkte dabei folgendes : »Ich nehme jedoch an der Abstimmung nicht teil weil Sie meinen Vorschlag das Fest der Stadttitelverleihung mit diesem zusammen zu feiern verworfen haben. Nun haben Esch, Rümelingen und Düdelingen dieses Fest gefeiert und es wäre lobenswert gewesen, wenn wir es auch gefeiert hätten. Ich werde daher den Saal verlassen, bis darüber abgestimmt ist… »Seinen Abgang begleiteten spöttische Bemerkungen einiger Ratsmitglieder.

 

In der Gemeinderatssitzung vom 5. März aus Anlass der Gewährung einer kommunalen Beihilfe zur Organisation eines Musikwettstreites in der Gemeinde organisiert vom Adolfverband wurden die Stadteinweihungsfeierlichkeiten dann definitiv fallen gelassen. Im Ratsregister lesen wir folgendes : »Nach Einsicht der Schreiben unterzeichnet von den Präsidenten der verschiedenen hiesigen Gesellschaften mit folgender Mitteilung, dass am 19. Juni dieses Jahres ein Musikwettstreit veranstaltet vom Adolfverband in hiesiger Stadt stattfinden wird . In diesem Schreiben wird die Frage an den Gemeinderat gestellt, ob es nicht angezeigt wäre mit diesen Festlichkeiten die Stadteinweihungsfestlichkeiten zu begehen.

 

Zutreffendenfalls wäre dann ein angemessenes Subsid als Beitrag zu den Kosten zu votieren ;

 

                                                    beschliesst

 

 mit 7 Stimmen gegen 3 (Hausemer, Schambourg, Thiry) nebst einer Enthaltung eistweilen noch keine Stadteinweihung zu feiern.

 

Der Bürgermeister hat sich enthalten aus dem Grunde weil man seinen Vorschlag in derselben Frage im vergangenen Jahr nicht beigepflichtet habe. »

 

Man muss allerdings auch hinzufügen, dass die Gemeindeverwaltung 1907 und in den darauffolgenden Jahren mit einer Stadt, die aus allen Nähten platzte sehr schmerzliche Probleme zu meistern hatte. 

 

* Taubenstechen : Ein hölzerner Vogel mit Nagel als Schnabel hing an einer Schnur oder Kette an einem Galgen. Man fasste ihn, trat zurück und liess ihn los, so dass er mit Schwung in eine Zielscheibe schoss und dort mit dem Schnabel stecken blieb.

 

**Die « Tugendrose » war die vom Papst verliehene « goldene Rose » jedoch an weibliche Personen. Die « goldene Rose » wurde an Personen verliehen, welche dem Vatikan besondere Dienste erwiesen hatten. (was das mit den Festlichkeiten zu tun hatte, bleibt rätselhaft).

 

                                                                                                              r. fleischhauer

 

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