Minières V
Copiapo (Chile) Oktober 2010
Fond-de-Gras Januar 1933
Mit den Angehörigen und Freunden der 33 Bergleute, welche 2 Monate lang 700 Meter tief in einem Stollen eingeschlossen waren, hat die ganze Welt gebangt. Welche Freude, als durch den unermüdlichen Einsatz der Rettungskräfte, eine fachkundige Vorgehensweise und vor allem eine unerschütterliche Kameradschaft und Solidarität einer nach dem anderen ans Tageslicht kam.
In diese, von allen Bergarbeitern gefürchtete Lage gerieten im Januar 1933 6 Bergleute in Fond-de-Gras. Sie wurden am Donnerstag, den 19. Januar durch den Zusammenbruch eines Stollens an ihrer Arbeitsstelle eingeschlossen.
Gemäss Berichten der Tagespresse war folgendes passiert :
Gegen 10.00 Uhr stürzte in der Grube Langfuhr von Thy-le-Château in Fond-de-Gras ein Stollen von 45 Metern Länge in der grauen Schicht zusammen und schnitt dabei die 6 Arbeiter, welche sich dahinter befanden, von der Außenwelt ab. Es handelte sich um Phil. Baasch, Vater von 6 Kindern, Nik. Hirtz, 40 Jahre alt, 2 Kinder, J.P. Hoscheid, 27 Jahre, ledig, Mich. Stork, 42 Jahre, 5 Kinder, Nik. Weyer, 1 Kind und Dominik Schwinden, der Belgier. Die Ougrée-Marihaye-Gesellschaft ging sofort die Rettungsarbeiten an. Man wollte von einem 35 Meter entfernten Parallellstollen aus zu den Verschütteten vordringen. Dies gestaltete sich allerdings als sehr schwierig. Der Rettungsstollen von 2 auf 1,50 Meter mußte nämlich durch taubes Gestein schräg nach unten geführt werden. Mit einem Spezialbohrer, der Durchstiche von 20-25 Metern Länge erlaubt, versuchte man ein Bohrloch bis zu den Eingeschlossenen zu treiben, um sie eventuell mit Nahrung zu versorgen. Wegen Motorschadens musste diese Aktion jedoch aufgegeben werden. Anfangs vernahm die Rettungsmannschaft Klopfzeichen und eine Sprengung, die jedoch auch von einer anderen Arbeitsstelle hätte herrühren können. Ohne Unterlass im Schichtbetrieb trieb man den Hilfsstollen weiter und am Samstag morgen, einen Tag früher als vorhergesehen, trennte nur noch ein dicker Block die Retter von den Verunglückten. Durch herabfallendes Gestein hatte man viel eher Kontakt mit den Eingeschlossenen aufnehmen können. Prinz Felix, der Gemahl der Grossherzogin Charlotte begab sich nach Fond-de-Gras um sich über die Lage zu informieren. Man hatte vor allem befürchtet, dass sich Wasser, das jetzt nicht mehr abfließen konnte, im Stollen ansammeln könnte und vor allem wusste man, dass die Temperatur in den « Galerien » beständig um 6 Grad Celsius liegt.

Die Freude nach der Rettung war natürlich groß. Sogar die Zeitungen in unseren Nachbarländern berichteten darüber.
Das “Tageblatt“ suchte nach der Bergung die Bergleute zu Hause auf und befragte sie. Hier ein Teil des Berichtes eines der Verschütteten :
“… Nun stellte sich allmählich der Hunger ein und die Kälte machte sich immer unangenehmer fühlbar. Wir waren nicht sehr warm gekleidet, unsere Arbeit verträgt das nicht und so litten wir sehr unter der Kälte. Wir mußten versuchen, uns zu erwärmen. Wir legten eine Leiter über zwei Pulverkisten, legten Bretter darüber und stellten unsere Karbidlampen darunter. Dann setzten wir uns über die Flammen. Wir hatten glücklicherweise 11 kg Karbid bei uns. Die Zeit verstrich mit unheimlicher Langsamkeit. Wir unterhielten uns, so gut es ging, sprachen von unseren Familien und was sie wohl taten oder sagten. Wir erzählten Späße, pfiffen und sangen. Wir munterten uns gegenseitig auf, so gut wir konnten. Geschlafen haben wir wenig. Hunger und Kälte plagten uns immer mehr, vor allem aber die Kälte. Wir wärmten uns Wasser, tranken es so heiß wie möglich. Das Brot, das wir mithatten, teilten wir in daumengrosse Rationen, von denen wir jeden Tag nur eine aßen. Wir ließen unseren Galgenhumor an unserem Hunger aus. Wir berieten, welchen von uns wir zuerst aufessen sollten, den fettesten oder den jüngsten.
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Freitag abend wurden wir immer einsilbiger und mutloser. Hätten wir nicht immer die Schüsse der Kameraden gehört, wir wären verzweifelt. Wir wurden schwindlig vor Hunger. Einer schreckte aus seinem Hindösen auf, zeigte ins Dunkel der Grube und lallte : “Dort kommen 10 Kilo Brot “. Wir schnitten unsere Schuhriemen ab und kauten daran. Aus einem ersoffenen Stollen lief anhaltend Wasser auf den Bruch zu, wo es sich staute. Bald stand dieser ganze Stollen unter Wasser und wir mußten unseren Platz ändern, weil das Wasser bis zu uns vordrang. Wir stiegen öfters in ein “Buggi“ und fuhren die Strecke hin bis zum Bruch. Der Berg war jetzt ruhig und wir konnten versuchen, von unserer Seite her vorzudringen. Samstag früh wurden wir zuerst von außen gehört. Jetzt wussten wir, daß wir gerettet waren. Aber gerade jetzt dehnte sich die Zeit bis zur Unendlichkeit.
Ja, es ist gutgegangen ! Jetzt liege ich im Bett und bin warm wie eine Maus. Es ist doch ein großes Glück bei Frau und Kindern zu sein.“
Nach dem ersten Weltkrieg war in Differdingen in der Grube “Kirchberg“ Aehnliches passiert. Drei Bergleute konnten nach zwei Tagen gefunden werden. Einer war allerdings schon tot und die zwei anderen schwer verletzt.
Selbstverständlich gab es damals noch keine psychologische Hilfe, auf die Verunglückte heute zählen können und wie einer der 1963 in der Kohlengrube Lengede eingeschlossenen Bergleute heute einem Reporter anvertraute, begleitet einen so eine Erfahrung bis ans Ende des Lebens.
Bildzeilen : Tageblatt 20.01.1933
Eingang Grube Langfuhr 1950
r.fleischhauer




