Kommunale Probleme 1907
Kommunale Turbulenzen zur Zeit der Verleihung des Stadttitels im Jahre 1907.
Am 6. Juli 1907 meldeten die Zeitungen, dass der Differdinger Gemeindeeinnehmer verschollen sei. Am nächsten Tag wurde berichtet, dass er vom 22. bis 28. Juni Urlaub genommen hatte und dann nicht mehr an seiner Arbeitsstelle erschienen sei. Am 5. Juli erhielt Bürgermeister Dr Conzemius einen Brief, in dem der Einnehmer ihm mitteilte, er habe sein ganzes Vermögen an der Börse verspekuliert und er sehe sich deshalb gezwungen zu demissionieren. Die Schlüssel des Kassenschrankes folgten in einem Paket. Am 6. Juli nahm man eine Untersuchung vor und stellte fest, dass im Kassenschrank noch die Summe von 3.040 Franken vorhanden war. Aus sämtlichen Verwaltungsbüchern waren die Blätter ab Januar 1906 herausgerissen und verschwunden.
- Stadthaus im Jahre 1907 : Untergeschoss : Gemeindeverwaltung, Obergeschoss : Schule
Nachträglich fand man heraus, dass der Einnehmer schon des längeren an der Börse « gespielt » hatte. Ein Defizit von 30.000 Franken in der Kasse war bereits von seinem Schwiegervater, einem vermögenden Unternehmer aus Dudelingen gedeckt worden. Der Einnehmer habe damals hoch und heilig versprochen, nie mehr zu spekulieren. Sein Versprechen brach er jedoch schnell und verspielte sein ganzes Vermögen (so an die 50.000 Franken). Im Monat Juni versuchte er auf jede Art sich Geld, das der Gemeinde geschuldet war « auszuleihen ». Das ging natürlich schief. Daher die Flucht. Er soll zuerst nach Brüssel gereist sein, dann nach Paris und dann verlor sich seine Spur. Man munkelte, er sei in Cuba gelandet. Er soll dabei im Besitz von an die 50.000 Franken gewesen sein. Am 20. November wurde in der Presse gemeldet, dass der untreue Einnehmer bevor er das Weite suchte u.a. für über 6.000 Franken Titel der luxemburgischen Staatsschuld aus der Kasse entnommen und in Luxemburg bei einem Bankhaus versilbert hatte.
Der Gemeinderat ernannte den Gemeindesekretär Colbach provisorisch zum Einnehmer. Es dauerte lange, bis man herausgefunden hatte, wieviel denn nun in der Gemeindekasse fehlt, das ja der Einnehmer die Konten hat verschwinden lassen. Es war auch nicht mehr festzustellen, wer von den Steurpflichtigen seinen Teil bezahlt hatte und wer nicht, so dass der Gemeinde ein hoher Schaden entstand. Bei der Gelegenheit wurde bemängelt, dass das Finanzsystem der Gemeinden veraltet sei. Es stamme noch aus der französischen Revolution. Das System sah damals so aus. Die eingenommenen Gelder der Gemeinde flossen in bar in die Gemeindekasse und dort blieben sie bis zur Verwendung liegen. Der Weg über Geldinstitute war damals noch für Gemeindefinanzen nicht üblich !
Am 29. Juli nahm in der « Escher Zeitung » ein Leser (scheinbar ein früherer Freund des unehrlichen Einnehmners) diesen Vorfall zum Anlass um die Geldgier der Leute an den Pranger zu stellen. « Cette impérieuse et inextinguible soif de l’or, cette âpre course à la fortune a fait une nouvelle victime. Notre receveur communal s’est laissé tenter par les charmes de la Circé malfaisante ; il a embrassé à lèvres goulues sa bouche provocante, il a possédé son corps souple et voluptueux, il a été son fol amant. Sous ses baisers brûlants et malsains se sont envolés les beaux attributs de la jeunesse ; adieu folie et charité ! Pour lui plaire, pour conserver les faveurs de l’inconstante il a foulé aux pieds tout ce qu’il y avait d’honnête en son âme de travailleur acharné ; il se sentait capable des pires malfaits. Il est devenu avare, voleur et faussaire, il a croulé dans la fange. Cheval fougueux mais mal entrainé il a panaché dans les tribunes…… »
Erst in der Sitzung vom 19. Januar 1908 wählte man einen neuen Einnehmer. Ein Lehrer, ein Postbeamter und ein Bürobeamter waren Kandidat.



