Kantin 1916

 

 

Schulkantinen gab es bereits 1916.

 

 

Eben wurde die herrliche « maison relais » in Differdingen-Zentrum eingeweiht. Sie funktioniert als Ganztagsbetreuung und als Mittagskantine für Schüler.  Heute nehmen die Kinder im « Restaurant scolaire » ihr Mittagsmahl ein, weil die Eltern berufstätig sind. Damals 1916 mitten im ersten Weltkrieg schickten die Eltern ihre Kinder in die Schulkantine, weil es zu Hause nichts zu essen gab und die Gemeindeverwaltung unter Bürgermeister Emile Mark die Aufgabe übernahm, die hungernden Kinder wenigstens notdürftig zu beköstigen. Heute muss die Zubereitung der Mahlzeiten und die Essensausgabe strengsten hygienischen Vorschriften entsprechen und die Kinder dürfen sogar ihre Essenswünsche äussern. Damals im Keller und im Turnsaal der Schule im Zentrum sah das ein bisschen anders aus (unser Bild).

 

 

 

Durch die Lebensmittelknappheit während des Krieges ging es den Städtern und der Arbeiterbevölkerung  miserabel. Der Streik vom 31. Mai 1917 war eine Folge dieser Situation. Die Bauern, die ihre Produkte hätten abliefern sollen, zogen es vor, sie von den Hamsteren in Gold aufwiegen zu lassen.

Der “Arme Teufel” schreibt: “Von Eiern weiss der Arbeiter und der kleine Beamte nicht mehr ob sie rund oder viereckig sind”

Der frühere Differdinger Lehrer Lucien Marc erzählt in seinem Büchlein “Kind im Krieg” von den Brotkarten, vom Schlangestehen vor den Läden, vom Hunger, von den Hamsterfahrten zu den Bauern.

Hier ein Entschuldigungszettel, den der Lehrer Nic Kodisch aufbewahrt hatte:” Herr Lehrer Faber, mein Sohn Willy konnte gestern die Schule nicht besuchen, der war mit nach Oesling Kartoffeln holen und dann hätte ich noch eine Bitte, könnte ich den Willy nicht aus der Schule bekommen er könnte bei einen Bauern kommen und ich hätte ihn aus der Kost, denn die Zeiten sind jetzt zu schlecht, wollen Sie bitte Willy näheren Bescheid mitgeben, und wohin ich mich wenden muss.”

 

 

 

Die Gemeindeverwaltung greift ein

 

 

Die Differdinger Schulkommission stellte fest:” Attendu que le fait est certain qu’un grand nombre d’élèves souffrent de la dénutrition, ce que la commission scolaire a constaté à l’occasion de ces tournnées habituelles dans les écoles, et que le produit sur leur état physique et moral a été trouvé désolant;

attendu que pour rémédier à cet état lamentable il aurait lieu de faire servir aux élèves indigents une nourriture réconfortante ce qui serait très difficile par les moments qui courent à moins que l’Etat prenne des dispositions en vue de l’approvisionnement  plus abondant de ces cantines....”

In der Gemeinderatssitzung vom 7. Dezember 1916 wurde über das entsprechende Kredit für eine Schulkantine debattiert. Wir erfahren, dass die Schulkantinen im Oktober 1916 eingerichtet worden waren und dass es 650 Teilnehmer an 26 Tagen gab. Die Ausgabe pro Kopf und Tag betrug 4 Sous. Jetzt nachdem die Ober-und Niederkorner Schüler ebenfalls aufgenommen wurden, stieg die Gesamtausgabe auf 60.000 Franken für 6 Monate. Es gab ein abwechselndes Menü mit Bohnen und Erbsen. (Von Fleisch geht keine Rede). Der Staat trug die Hälfte zu den Ausgaben bei während “die Industriegesellschaften” insgesamt 25 % trugen. Der “Morgenkaffee” wurde wieder abgeschafft, weil er das Ganze verteuerte. Es folgte eine Diskussion der Ratsmitglieder, die sich damals, wie auch 1988 bei der Einführung der neuen Schulkantinen  um die Kinder drehte, deren Eltern ein gutes Einkommen haben. Damals wie auch 1988 wurde jedoch beschlossen, alle Kinder aufzunehmen. Selbstverständlich kostenlos im Unterschied zu heute.

 

 

Reisbrei und Hafergrütze

 

 

Lucien Mark war nicht so begeistert vom Menü. Er schreibt:”In den Hungerjahren 1917 wurde die Schulkantine eingeführt und der Turnsaal in Küche und Speisesaal verwandelt. An langen Tischen sassen nun jeden Mittag Hunderte Jungen und Mädchen und assen fröhlich um die Wette. In langen Reihen sind sie allemal angetreten, die Buben mit dem Löffel im Knopfloch der Jacke. Die Mädchen hatten ihn fein säuberlich in Papier eingewickelt.

Ich selbst bin nie hingegangen. Einmal, weil es allzuoft Reisbrei und Hafergrütze gab, Dinge, die ich nie, auch in den allerschlimmsten Kriegstagen nicht hinunterzuwürgen vermochte und dann... ich schämte mich. Denn keiner meiner Klassenkameraden ging hin, und ich hätte ihren Spott - das gabs noch in diesen Tagen -nicht ertragen können.

Und mitunter roch’s doch so gut aus dem Turnsaal nach Heringen oder Bohnen oder Linsen.”

 

 

                                                                                              r. fleischhauer

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