Henry Grey

 

 

Ein weltbekannter “Differdinger”

 

 

In dieser Zeit des schnellen und überraschenden Umbruchs in der Stahlproduktion auf Weltniveau wäre es angebracht an die ersten zaghaften Schritte bei der Stahlproduktion in unserem Lande zu erinnern. Gleich nach der Entdeckung, Erschliessung  und Verhüttung der “Minette” war ganz sicher die Einführung  des von Henry Grey entwickelten Walzverfahrens der Stahlträger die wichtigste nächste Etappe in der Geschichte der Luxemburger Stahlindustrie. Dieses Verfahren wurde nach einigen Versuchen in den Vereinigten Staaten in Differdingen zum ersten Mal eingeführt, angewandt und weiterentwickelt. Daher auch die Bezeichnung “Differdinger” für den neuen Träger.

 

 

Henry Grey war ein bekannter Ingénieur in den USA. Sein Verdienst war, das Walzverfahren , das von den Gebrüdern York erfunden wurde  weiter zu entwickeln und in der Praxis auszuprobieren. Dass der neue Träger gerade hier in dem kleinen Luxemburg zum ersten Mal hergestellt wurde, verdanken wir der Interesselosigkeit der amerikanischen Stahlindustrie und dem feinen Gespür Luxemburger Industrieller wie  Paul Wurth, Xavier Brasseur und Max Meier.

 

 

 

 

Der Vorteil des neuen Verfahrens

 

In der zweiten Hälfte des 19ten Jahrhunderts stieg besonders in den USA der Bedarf an schweren Doppel-T-Stahlträgern. Es wurde viele Brücken und immer mehr Wolkenkratzer gebaut. Die vorgefertigten Stahlblöcke liefen damals durch einen einzigen Walzgang. Das heisst alle Seiten und auch die Breite der Flügel  wurden in einem Mal geformt. Das hatte zur Folge, dass Risse und Verformungen auftraten. Die Gebrüder York und Henry Grey hatten die Idee, den Träger durch zwei Walzgänge laufen zu lassen. Beim Ersten wurden das Profil des Trägers geformt und beim Zweiten erst die Breite der Flügel. So konnten  Spannungen im Block vermieden werden und das Walzen  verschiedener Flügelbreiten und Trägerhöhen wurde möglich. Henry Grey experimentierte mit seinem neuen Verfahren in der”Ironton Steel Cie” in Duluth für die er arbeitete.

 

 

Kaum Interesse bei der Stahlindustrie

 

Grey meldete sein Patent im Jahre 1896 an und versuchte es an den Mann zu bringen. Doch niemand interessierte sich dafür. So pilgerte Henry Grey bis nach Luxemburg, wo er sein Verfahren dem Industriellen Paul Wurth vom Verwaltungsrat des Differdinger Werks vorführte. Dieser erkannte sofort die unermesslichen Vorteile und am 8. Juli 1898 unterschrieb er einen Vorvertrag für den Erwerb des Grey-Patentes. Paul Wurth beauftragte daraufhin Max Meier, ebenfalls Mitglied des Verwaltungsrates, nach Duluth zu reisen und sich das Verfahren in der Praxis anzusehen. Max Meier liess sich von Xavier Brasseur, dem Rechtsbeistand der Gesellschaft begleiten und beide schifften in Bremen Richtung USA ein. Durch persönliche Notizen der beiden und die archivierte Korrespondenz konnte Jemp Biver im “Korspronk 11/1998” die  Odyssee der beiden in den USA rekonstruieren. Am 16. Oktober 1898 genehmigte der Verwaltungsrat den Kontrakt mit Henry Grey.

 

 

 

 

Schwierige Anfangsphase.

 

Schlussendlich konnte eine “Grey-Walzstrasse “ im Differdinger Werk errichtet werden und die Experimente begannen. Es gab viele Rückschläge und Enttäuschungen. Die Gesellschaft geriet in finanzielle Schwierigkeiten und musste mit deutschem Kapital wieder flott gemacht werden. Von nun an hiess sie “Deutsch-Luxemburgische Bergwerks-und Hüttenaktiengesellschaft”. Im Jahre 1901 wurden erstmals Grey-Träger verbaut und zwar in Dommeldingen in der Eisenbahnbrücke. Es dauerte jedoch an die zehn Jahre, bis das Werk das Walzen der Stahlträger nach dem Grey-Verfahren komplett im Griff hatte. Im Juni 1911 wurde der erste Einmeterstahlträger der Welt in Differdingen hergestellt. Im ersten Weltkrieg profitierte das Deutsche Heer selbstverständlich vom “Differdinger” zu Kriegszwecken.

 

 

 

Kriegsauszeichnung für den “Differdinger”

 

Eine sehr rühmliche Rolle spielte der Greyträger in den  Jahren  1944 und 1945. Die Amerikaner waren in der Normandie gelandet. Bei ihrem Rückzug zerstörte die Wehrmacht so viele Brücken und Strassen wie möglich. Dasselbe taten die Amerikaner bei ihren Angriffen auf die deutsche Armee. Um so schnell wie möglich Land zu gewinnen, musste die Army in aller Hast notdürftige Brücken und Uebergänge aus verschiedenstem Material bauen, was nicht so einfach war. Eines Tags entdeckte die Armee in der Normandie Greyträger  welche die Deutschen dort gelassen hatten. Diese “Meter-Beams” wie sie die Amerikaner nannten kamen ihnen zupass. Der Transport dieser Dinger war wohl nicht so einfach , doch der Bau der Notbrücken, für die die amerikanischen Pioniere bald ein einfaches Verfahren entwickelt hatten, ging blitzschnell und somit war der schnelle Truppentransport gewährleistet. Als die Amerikaner Luxemburg befreit hatten, halfen sie mit allen Mitteln das Differdinger Werk, das jetzt “HADIR” (“Hauts-fourneaux et Aciéries de Differdange-St. Ingbert et Rumelange” ) hiess wieder flott zu machen. Am 20. September 1944 wurden wieder Grey-Träger gewalzt und dorthin transportiert, wo Brücken wieder instandgesetzt oder neu angelegt werden sollten. Unter anderem konnte auf diese Weise der Rhein bei Wesel schnell überquert werden. Der Grey-Träger half so den Krieg gegen die Nazis gewinnen. Am 10. Oktober 1945 zeichnete der Armee-Generalleutnant John C.H. Lee, Commander der US-Army das Differdinger Werk mit der “Army-and Navy Flag” aus, die stolz am Eingang flatterte. Anwesend war damals die ganze Belegschaft, welche hier einen förmlichen Kraftakt im Dienste der Befreiung geleistet hatte.  Anbei die “Citation” des Generals.

 

 

 

 

Vor allem auch der Verdienst der hiesigen Industriellen

 

Heute walzt Differdingen bis 110 cm-Träger nach dem System “taylor-made”, ein Produkt, das immer noch in der Welt verlangt wird. So manche Wolkenkratzer in der Welt werden vom “Differdinger” gehalten, etwas worauf Differdingen stolz sein kann und das wahrscheinlich auch das Werk vor dem Abbau bewahrt hat. Es ist schon richtig, dass man den Namen Henry Grey in Differdingen verewigt hat. Ohne Leute wie Max Meier und Paulk Wurth wäre der Greyträger jedoch nie eine Luxemburger Erfolgsgeschichte geworden.

 

 

 

 

Wer sich intensiver mit dem Grey-Träger beschäftigen möchte, sollte sich unbedingt den “Korspronk 11/1968” und besonders “19/2003” beschaffen.Hier haben sich die Differdinger Geschichtsfreunde eingehend mit der Geschichte der Schmelz und des Trägers beschäftigt, welcher 1998 100 Jahre alt geworden ist. (kann auch in der Stadtbibliothek ausgeliehen werden.).

 

 

                                                                                               r. fleischhauer

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