Das Gewerkschaftsheim
Das « Heim »
Gemeint ist natürlich das Differdinger Gewerkschaftsheim. Nachdem es eine Zeit lang leer stand, wird es jetzt umgebaut, wobei die Fassade in etwa erhalten bleiben soll. Neuer Wohnraum und Geschäfte sollen dort entstehen. Selbstverständlich wird auch wieder die Beratungsstelle des OGB-L nebst Versammlungsraum dort untergebracht werden. Das ist dann auch alles, was vom früheren Haus der Gewerkschaft übrigbleibt. Doch das Gebäude war nicht nur das “Heim“ der gewerkschaftlich Organisierten. Es spielte in der Vergangenheit eine wichtige Rolle als gesellschaftlicher Mittelpunkt der Gemeinde. Ins “Heim“ ging man, wenn man Kollegen treffen wollte oder zum Kegeln. Im Heim organisierten die großen Vereine der Gemeinde ihre Jahresversammlungen. Ins “Heim“ begab sich vor allem die Jugend, denn im “Heim“ fanden die großen Bälle statt, die ja vor Jahren noch Hunderte und Tausende anzogen.
Das Gebäude wurde anfang des vorigen Jahrhunderts errichtet und beherbergte zuerst das Geschäft Germain frères. Germain frères verkaufte alles von der Bekleidung bis zu Esswaren und alkoholischen Getränken. Später ging das Gebäude dann an die “Deutsch-Luxemburgische Bergwerks-und Hüttenaktiengesellschaft “. Hier richtete die Hüttengesellschaft die sogenannte “Stoffhalle“ ein, eine Art “Wohlfahrtswesen“ für die Beschäftigten. Im Jahre 1918, bei Kriegsende, wollte die “Deutsch-Luxemburgische“ den Warenbestand der Stoffhalle heimlich, still und leise nach Dortmund überführen. Dagegen wehrten sich die Arbeiter und Beamten der Schmelz heftig. In zähen Verhandlungen gelang es der Kommisssion des Arbeiter-und Beamtenausschusses einen Betrag von 100.000 Franken herrührend vom Verkauf des Restwarenbestandes als Wiedergutmachung für die schlechte Behandlung der Beschäftigten während des ersten Weltkrieges dabei herauszuschlagen. Das Geld wurde jedoch von der Nachfolgegesellschaft der “Deutsch-Luxemburgischen“, nämlich der HADIR bis 1926 blockiert. Nach dessen Freigabe konnte die Kommission das Gebäude zum Preis von 210.000 Franken erstehen. Der Gründung des Gewerkschaftsheimes und der Verwaltung durch eine Kooperative stand jetzt nichts mehr im Wege. Allerdings hatte die Kooperative sich jetzt mit 127.000.- Franken verschuldet. Am Neujahrstag 1927 wurde das Heim feierlich mit vielen Reden, Musik und Gesang eröffnet. Erster “Gérant“ war François Bartholmé. In den ersten Verwaltungsrat wurden gewählt : Martin Flammang, J.P. Gansen, Nicolas Biever, Pierre Muller und J.P. Angelsberg. Es ging langsam bergauf mit dem Haus. Doch Geldsorgen begleiteten den Verwaltungsrat bis zuletzt. 1950 wurde das “Heim“ zum ersten Mal umgebaut. Der benachbarte Saal Jungers wurde hinzugekauft und so entstand auch die Kegelbahn. Im Jahre 1976 wurde noch einmal umgebaut und die UCL-Bank mietete ein Lokal im Untergeschoß. Mit der Miete konnte ein Teil der Schulden getilgt werden. 1986 musste ein Notausgang angelegt werden und im Jahre 1992 übernahm die Brauerei Bofferding die Wirtsstube zur Miete. Erwähnen wir noch dass das “Heim“ zwischen 1940 und 1944 von den Okkupanten in ein « Kameradschaftshaus » umgewandelt wurde, das jedoch von allen rechtschaffenen Arbeitern gemieden wurde.

Bildung und soziale Hilfe.
Ein grosses Anliegen der Gewerkschaften in der Anfangszeit war das Heranführen der Beschäftigten an Kultur und Wissen. So gab es des öfteren im Gewerkschaftsheim Filmvorführungen über alle möglichen sozialen und kulturellen Themen. Ganz viele und gut besuchte Konferenzen über Probleme der Arbeiterschaft im In-und Ausland, Ausflüge, Gedenkfeiern, Ausstellungen, Aufklärungs-Protest und Wahlversammlungen fanden regelmäßig statt. Schon sehr früh gab es die rechtliche Beratung und ab 1951 “Auskünfte und Ratschläge in allen Angelegenheiten politischer, sozialer, wirtschaftlicher und rechtlicher Natur“. Nach dem Krieg wurde auch ein Photoclub im Heim mit einer Dunkelkammer im ersten Stock eingerichtet, wo die Amateure selber ihre Bilder herstellen konnten. 1955 stand einer der ersten Fensehapparate der Gemeinde im Heim “ein hochmoderner ACEC-Apparat mit einem Bildschirm von 54 cm“, der bei den ersten Sendungen von Radio Luxemburg am Samstag und Sonntag viel Zulauf hatte. Man organisierte Ausstellungen über jede Art von Freizeitbeschäftigung, u.a zeigte Franz Erpelding seine Schätze vom Titelberg. Im Heim gab es anfangs auch einen Arbeitergesangverein, der sich regelmässig zu Proben traf. Nicht fehlen durfte auch eine Bibliothek, welche zur Weiterbildung der Arbeiter beitrug und welche des öfteren erneuert wurde.
Im Jahre 1947, als es überall an dem Nötigsten fehlte, verteilte man im Gewerkschaftsheim Kakao an die Arbeiterkinder und “Bouillon-Würfel“ an die Erwachsenen. Im Januar 1947 konnte man Regenmäntel zum Preise von 50 – 100 Franken abholen. Im März gab es “house-slippers“ (Pantoffeln). Kleider aus dem “stock américain“ wurden im folgenden Jahr verteilt. All diese Gaben stammten vom “American Labor Gift“, das heisst von den amerikanischen Gewerkschaften.
Das Haus an sich war in den letzten Jahren stark renovierungsbedürftig. Doch dafür reichten die Mittel der Kooperative bei weitem nicht, so dass es an einen privaten Promoteur vergeben wurde, der eben einen kompletten Umbau vornimmt.
Das neue “Heim“ wird sicherlich seinen Zweck in gewerkschaftlicher Hinsicht erfüllen. Seine Rolle als gesellschaftlicher Mittelpunkt der Gemeinde hat es jedoch ausgespielt.
Quellen :
Nic Eickmann : “Das Differdinger Gewerkschaftsheim, ein Stück Geschichte der Arbeiterbewegung“
Rob Fleischhauer : Chronik zu “70 Joer OGB-L Déifferdang » (1986)



