Gerlache
Als es in Differdingen zwei Schlösser gab.
Das Differdinger Schloss ist bekannt. In seinen Mauern befindet jetzt die “Miami University”. Es gab jedoch ein zweites Schloss unterhalb, das leider in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts verschwand. Es befand sich an der Stelle des heutigen Stadtparks, der ja auch noch “Gerlache”-Park genannt wird. Weshalb “Gerlache”-Park? Weil hier das “Gerlache”-Schloss stand. Weshalb “Gerlache”-Schloss? Weil die letzte Familie, die es besass: “de Gerlache” hiess. Alexandre de Gerlache de Waillimont, seine Gattin Louisa-Marie-Sidonie Ablay und ihre sechs Kindern waren die letzten Bewohner des Schlosses, dessen Ursprung bis ins 16te Jahrhundert zurückreichte. Alexandre de Gerlache spielte eine sehr wichtige Rolle in Differdingen: Er war sozusagen der Gründer der Differdinger Schmelz. Er war Besitzer einer Eisenerzgrube in Oberkorn. Seine Absicht war es das gewonnene Eisenerz an Ort und Stelle zu verhütten. Das führte am 12. März 1896 zur Gründung der “Société anonyme des Hauts-founeaux” de Differdange, welche sich sofort an die Arbeit machte und die Differdinger Schmelz errichtete. Alexandre de Gerlache war Präsident des Verwaltungsrates und auch Abgeordneter in der Luxemburger Kammer. Die Wirtschaftskrise von 1900 traf das eben in Betrieb genommene Werk heftig. Alexandre de Gerlache schied aus dem Verwaltungsrat aus. Im Jahre 1908 verstarb er 49.jährig in seinem Schloss in Differdingen.
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Seine Familie zog nach Belgien. Nun begann die lange Agonie des Schlosses. Differdingen, das ja im Jahre 1907 den Titel einer “Stadt” erhielt, vergrösserte sich explosionsartig und brauchte unbedingt Bauland. Nach und nach kauften Unternehmer den Erben der de Gerlache die umliegenden ausgedehnten Liegenschaften des Schlosses ab und bebauten sie. Das Schloss selber blieb leer. Lediglich ein Wächter wohnte darin. Mein Vater, der im ersten Weltkrieg in Differdingen zur Schule ging erzählte uns, dass die Mauern um das Schloss oben mit Glasscherben bestückt waren . Das hinderte die Lausbuben jedoch nicht daran, darüber zu klettern und “Hondsäësch” im verwilderten Park zu klauen. Sie wurden dann regelmässig vom Wächter, einem Invaliden verjagt. Später hausten Truppenteile der Deutschen und dann der Amerikaner darin. Der Verfall des Schlosses zog sich bis 1920 dahin. In dem Moment kaufte die Differdinger Gemeinde unter Bürgermeister Emile Mark den Erben das Schloss und den Park ab. Leider verkannte man damals den kulturellen Wert der Gebäude. Es musste Neues her! Das Schloss wurde ohne Zögern der Gemeinderatsmitglieder abgerissen, um weiteren Bauplätzen Platz zu machen. Auf dem 1,70 ha grossen Anwesen, entstanden drei neue Strassen. In der Mitte blieb der 85 Ar grosse Park, den die Gemeindeväter als Stadtpark anlegten..

Lucien Marc beschreibt in seinem Beitrag“Als die Schlote noch nicht rauchten..” im Heft des “Syndicat d’Initiative” von 1937 die Lage des “Gerlache”-Schlosses :”In der heutigen Bahnhofsstrasse (heute av. de la Liberté Fussgängerzone) waren die Häuser Logelin (Tréis Hans) und Mark (a Schaussen, das Haus des Bürgermeisters Emile Mark) und an der Grossstrassenecke das Haus, in dem Notar Noppeney bewohnte. Rechts lief den Weg entlang die Umfassungsmauer des Schlosses der de Gerlache (heute r. Ad. Krieps), die einerseits in die Poststrasse, andererseits an der heutigen Max-Meier-Strasse (heute: r. E. Mark) entlang bis zur Bahn reichte. Den Abschluss dieser Besitzung bildete im Hintergrunde der Eisenbahndamm. Der Eingang zum Park war ungefähr in der Gegend des Pavillons, das Schloss etwa rechts vom Parkteich (heute verschwunden) und die Wirtschaftsgebäude reichten bis in die Nähe der “Chaussée” (heute Fussgängerzone av de la Liberté) dem Teil der Bahnhofsstrasse die zum Marktplatz führt. Von den alten Bäumen des Parks sind einige nunmehr erhalten und zeugen von der altehrwürdigen Parkherrlichkeit...”
Heute käme es keinem Gemeindeverantwortlichen mehr in den Sinn, ein so schönes Schloss, das von Alexandre de Gerlache, im Jahre 1900 komplett renoviert worden war dem Verfall preiszugeben um es dann 20 Jahre später abzureissen.
Armand Logelin hat sich eingehend mit den Familien Du Rieux und de Gerlache und dem Schloss in den Nummern 9 und 10 des “Korspronk” der Differdinger Geschichtsfreunde beschäftigt. Die beiden Bände befinden sich auch in der Gemeindebibliothek.
r. fleischhauer



