Früheres Stadthaus
Das “frühere“ Stadthaus.
Wie alles begann.
Die Umbauarbeiten am früheren Stadthaus der Gemeinde haben begonnen. Hier soll ja bekanntlich ein funktionstüchtiges, der Zeit angepaßtes Kulturzentrum entstehen. Genau 45 Jahre lang hat das Gebäude den etwas abwertenden Titel der “al Gemeng“ getragen. Am 24. Oktober 1964 war nämlich das neu erbaute Gebäude gegenüber in Gegenwart der Großherzogin seiner Bestimmung als neues Stadthaus übergeben worden.

Die Baugeschichte des “früheren“ Stadthauses entspricht in etwa der bevölkerungsmäßigen Entwicklung der Gemeinde. Begonnen hat es mit der Gemeindeverwaltung in der Schule, oder wenn man so will, der Schule im Gemeindehaus. Die Eckdaten haben wir dem Werk von Armand Logelin “Differdange, chagrins et espérances » das anlässlich der Jahrhundertfeier von der Gemeindeverwaltung herausgegeben wurde, entnommen. Die Schule war zuerst da. Sie war im Jahre 1847 eingeweiht worden und ersetzte das überalterte einklassige Schulgebäude auf dem “Kéizap“, (rue Victore Hugo). Der damalige Bürgermeister Baron Gabriel de Soleuvre hatte sich der klammen Gemeindekasse erbarmt und der Differdinger Bevölkerung seinen früheren Obstgarten gegenüber dem Schloß für den Bau einer Schule geschenkt, allerdings unter der Bedingung, dass eine Gedenktafel ständig an diese Schenkung erinnern sollte. Die Inschrift befindet sich noch heute an der Fassade links vom Eingang : “A la mémoire du Baron Gabriel d’Arnould de Soleuvre Bourgmestre qui a fait don à la commune de ce terrain à bâtir – le 20.7.1844 et en souvenir du VI centenaire de la remise de la charte d’affranchissement 1338 – 1938.“ Die Inschrift, wie auch diejenige zur Befreiung der Gemeinde 1945 sollen auch nach der Renovierung erhalten bleiben. Diese Schule sollte ursprünglich auch die Oberkorner Kinder aufnehmen. Die Oberkoner Eltern widersetzten sich dem jedoch heftig und bauten ihre eigene Schule, wie Armand Logelin in seinen « Déifferdenger Schoulsuergen » erzählt. Ausser Schulsälen umfasste das Gebäude Lehrerwohnungen, einen Pferdestall und einen Backofen. Im Jahre 1877 befand sich die Knabenschule im Erdgeschoss und die Mädchenschule im ersten Stockwerk. Ein zweiter Eingang wurde geschaffen, damit Knaben und Mädchen sich nicht begegnen sollten.

Im Jahre 1902 zog dann das “Bürgermeisteramt“ in das Gebäude ein. Zu dem Moment funktionierten hier 4 Mädchen-Schulklassen. Im Jahre 1907, als Differdingen den Stadttitel erhielt, machte man sich im Gemeinderat Gedanken über ein richtiges Stadthaus. Enige plädierten für einen Neubau. Schliesslich einigte man sich darauf, das bestehende Gebäude um ein Stockwerk zu erhöhen und die Schulklassen in dem neuen Gebäude in « Stoppelbommert » (heute rue E. Mark) unterzubringen, sobald es fertiggestellt sein würde, was dann auch im Jahre 1907 geschah. In der Gemeinderatssitzung vom 23. Oktober 1909 stritt man sich über die Erneuerung. Ratsmitglieder wie Emil Mark wollten direkt woanders ein neues Rathaus bauen und das Alte als Schule weiter verwenden. Das wurde jedoch abgelehnt mit dem Argument, das Bauterrain fehle und die Witwe de Gerlache verlange viel zu viel für ihr Besitztum (heutiger Park), das ja nach dem Tode von Alexandre de Gerlache leer stand. E. Mark verlangte daraufhin, dass man noch ein weiteres Stockwerk hinzufügen sollte. Dies lehnte Bürgermeister Conzemius ab mit dem Argument, das Rathaus würde dann die “Symetrie mit der Kirche stören“, was den wenig kirchenfreundlichen Oppositionspolitiker Emil Mark auf die Palme brachte. Emil Mark plädierte damals auch dafür, zuerst einmal eine Fusion der Sektionen anzustreben und damit eine Gesamtverwaltung zu ermöglichen. Jede Sektion verwaltete nämlich damals noch ihr eigenes Budget. Doch auch das würde den Bau wieder verzögern, wurde ihm erklärt. In das erste Stockwerk zog das Polizeikommissariat. Auch das Friedensgericht sollte hier unterkommen. Im Erdgeschoss wurde der Sitzungssaal vergrössert und für den Bürgermeister wurde ein “Extra Raum“ geschaffen. Der Escher Architekt Nicolas Majeres wurde mit dem Umbau betraut. Die Arbeiten dauerten von 1911 bis 1913 und kosteten 93.703.-Franken. Während der Umbauarbeiteten mietete sich die Gemeindeverwaltung im “kleinen Casino“ auf dem Marktplatz ein, der ja damals der “Deutsch-Luxemburgischen Bergwerks-und Hüttenaktiengesellschaft“ gehörte. Als das alte Rathaus niedergelegt wurde, vermeldete die “Escher Zeitung“: “Die allgemeine Stimmung der hiesigen Bürgerschaft geht dahin, man solle das alte Kasino ankaufen und die Büros der Gemeinde dort lassen.“ Die Bauarbeiten wurden an den Unternehmer Josy Logelin vergeben. Sogar eine Zentralheizung war vorgesehen.
Im Jahre 1916 fanden die Abnahmeverhandlungen statt. Das Gebäude wurde noch mehrmals vergrössert und umgeändert. Unter anderem entstand ein großes “Pissoir“ vor dem Eingang und das nicht ohne Grund: Der sogar in Leserbriefen oft gescholtenen Unverschämtheit der Männerwelt sollte endlich Einhalt geboten werden. Im Jahre 1964 hatte das Gebäude dann als Stadthaus ausgedient. Ab 1964 fand man dort nacheinander die verschiedensten Einrichtungen: Festsaal, Friedensgericht, Steuerverwaltung, Polizei, Bibliothek, Probesaal der “Chorale Municipale“, Musikschule, Schulkantine, Vorschulklassen, Gemeindearchiv, Büros des “Essentiel“.
r. fleischhauer



