Evakuiergung 10.05.1940

 

 

Differdingen auf der Flucht.

 

 

Am 10. Mai 1940 geriet Differdingen und die meisten Minette-Städte zwischen die Fronten. Der französische Brigadekommandant, dessen Hauptquartier sich in Oberkorn befand, eröffnete dem Differdinger Bürgermeister Pierre Gansen, dass die französischen Truppen sich strategisch besser positionieren würden und dass dadurch die Grenzortschaften mitten im Kampfgebiet liegen würden. Die Bevölkerung solle deshalb evakuiert werden. 

 

Eugène Weiss aus Differdingen, der das Ende des Krieges nicht überleben sollte, hatte damals Tagebuch über die Ereignisse seiner Evakuierung geführt. Armand Logelin hat das Tagebuch nebst zusätzlichen Erläuterungen im Verlag "Galerie" des "Centre Culturel" im Jahre 1993 herausgegeben. (Steht in der Stadtbibliothek zur Verfügung.) 

 

Während der Schiesserei in Differdingen, Oberkorn und Niederkorn hielten sich die Einwohner zum Teil in den Kellern auf. Keiner wusste so richtig was tun. Die Gemeindeverwaltung war durch den plötzlichen Befehl der Evakuierung leicht überfordert  Am 11. Mai hing eine Bekanntmachung der Gemeindeverwaltung aus, mit der man der Bevölkerung vorschlug, der Aufforderung der Franzosen zu folgen und sich auf den Weg nach Frankreich zu machen, oder aber  im Bergwerk Schutz zu suchen. Jeder tue wie ihm beliebe. Die Gemeindeverwaltung übernehme keine Verantwortung. Eine zweite Aufforderung, die Stadt zu verlassen erfolgte von Seiten der Deutschen, nachdem Differdingen eingenommen worden war. Die Einwohner seien nach Luxemburg in Marsch zu setzen und zwar zum Stadion an der Arloner Strasse, wo Verpflegung und Unterkunft der Flüchtenden geregelt werde solle.

 

 

 


In den Erzstollen.

 

 

Eugène Weiss erzählt, dass die Leute sich am 11. Mai gegen Mittag mit Decken und Verpflegung im Thillenberg einfanden.  Es war dort kalt und feucht. Vom Eingang her beobachtete er, wie Differdingen bombardiert wurde und bemerkte auch die ersten deutschen Soldaten. Am nächsten Morgen wurde bekannt, dass die Deutschen die Säuberung der Erzstollen angeordnet hätten und dass alle ins Landesinnere evakuiert werden sollten. Ein langer Flüchtlingstreck zog bald durch Niederkerschen Richtung Hauptstadt. Manche Familien wurden dabei auseinandergerissen und fanden sich nur mit Mühe wieder.  

 

 

 

 

 

Evakuierung ins Oesling.

 

 

Jos Romeo, der einen Granatsplitter im Fuß hatte und sein Bruder, der einen Streifschuss abbekommen hatte, begaben sich auch zu Fuss nach Luxemburg. Zwei deutsche Soldaten sorgten unterwegs dafür, dass ein Auto sie mitnahm. Mme Evrard hatte sich auch mit ihrem kleinen Josy im Erzstollen versteckt, ehe sie mit der ganzen Familie, einem Wägelchen mit einigen Habseligkeiten Richtung Luxemburg zog. Unterwegs wurden sie vom Schreiner Hengen aufgenommen und zum Stadion transportiert. Ihr Vetter Watgen mit Frau und Tochter starben beim Bombardement.("D'Geschicht vun ënnen" in “Livre du Centenaire” der Gemeinde) 

 

Die meisten evakuierten Differdinger kamen im Oesling bei Bauernfamilien unter.  Da die Minetter schwere Arbeit gewohnt waren, konnten sie den Bauern gut zur Hand gehen und verdienten so ihr Brot. Für einige Aufruhr sorgten sie jedoch schon in der damals noch sehr verschlossenen Dorfgemeinschaft. Nicht wenige hatten noch nie eine Kirche von innen gesehen und sorgten dementsprechend für Gespräch im Dorf. Wie Eugène Weiss erzählt, versuchten die Minetter sich jedoch auch so gut wie möglich anzupassen. Es schlossen sich auch viele Freundschaften zwischen Familien aus dem Oesling und aus der Minettsgegend, die ein Leben lang anhielten.

 

 

 

Evakuierung nach Frankreich.

 

 

Jacques Dollar hat in seinem Buch "L'exode des Luxembourgeois sur les routes de France" sehr genaue Nachforschungen angestellt. Er selbst flüchtete damals mit seinen Eltern nach Frankreich und zwar im grossen Treck über Hussigny, über die Maginot-Linie, Joppécourt, Xivry-Circourt Domprix , wo ein Auffanglager funktionierte. Es gab viele, deren Weg bis hinab in den Süden Frankreichs vor allem in den Languedoc in die Gegend um Montpellier und Lodève führte. Die Flüchtlingstrecks sahen mitleiderregend aus wie alle Kolonnen von Flüchtenden. Fahrräder, Autos, Pferdewagen, Handkarren, Kinderwagen  voll beladen mit den Kindern und einigen Habseligkeiten bewegten sich in langen Reihen über die Strassen. Jacques Dollar hob immer wieder hervor,wie hilfreich die französische Bevölkerung war. Viele Freundschaften zwischen Differdingern und französischen Familien wurden auch hier geknüpft. Der Autor schätzt die Zahl der Differdinger, die nach Frankreich flüchteten auf rund 300.  Gegen Ende Juni kehrten die meisten zurück. Differdingen hatte einiges abbekommen, besonders auf Fousbann und in der Hussigny-Strasse gab es etliche zerstörte Häuser. Durch die Einquartierung der deutschen Soldaten war trotz Warnungen der Militärobrigkeit vieles zerstört respektiv abhanden gekommen. Doch nach und nach hatte alles wieder seine Ordnung. Auch das Hüttenwerk arbeitet wieder, aber von jetzt ab für die Nazis.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

                                              r. fleischhauer

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