Als die Italiener nach Differdingen kamen.

 

 

Als die Italiener nach Differdingen kamen 

 

 

 

Die komplette Aufmischung der Differdinger Bevölkerung begann Ende des 19ten Jahrhunderts durch den Zuzug der Italiener. Diese haben zweifelsohne im Laufe der Jahre frisches Blut in die vorherige eher dröge Bevölkerung Differdingens gebracht und  das gesellschaftliche und kulturelle Leben weitgehend beeinflusst.

 

Um das Jahr 1910 betrug der Anteil der italienischen Einwohner in der Gemeinde nach Goergen-Jacoby so um die 13%. In diesem Jahr überstieg übrigens der Anteil der ausländischen Bevölkerung der Gemeinde denjenigen der Luxemburger (so wie heute). 59% der Ausländer waren Italiener. Wohlgemerkt waren das fest etablierte Einwohner. Ein italienisches Wohnviertel wie in Düdelingen gab es in Differdingen eigentlich nicht, wenn man einmal von den « Wangert »-Strassen absieht. Daneben gab es nämlich noch die italienischen Saison-oder Wanderarbeiter, von denen ein grosser Teil nicht mitgezählt wurde. Es handelte sich meistens um Junggesellen und unqualifizierte Arbeiter. Der grösste Teil stammte aus den nördlichen Regionen Italiens, hauptsächlich L’Aquila und Macerata. Die jährlicher Migration zwischen Heimatort und Arbeitsstelle der Saisonarbeiter  hatte für das Differdinger Werk den grossen Vorteil, dass es die Zahl der eingestellten Arbeiter haargenau der Konjunktur anpassen konnte.

 

 

 Die Italiener waren durchwegs unqualifiziert. Sie verrichteten die niedrigsten und schmutzigsten Arbeiten. Ihre Löhne lagen im Durchschnitt um 20 bis 40% unter denjenigen der Deutschen und Luxemburger. Ein grosser Teil der Italiener arbeitete in der Möllerei, wo die Minettesteine per Hand umgeladen wurden, um die “Charge” für den Hochofen vorzubereiten. Es wurde in Schichten von 12 Stunden geschaufelt. Sonntags beim “laangen Tour” waren es sogar 24 Stunden. Wenn die Zeiten schlecht waren, gab es unbezahlte Feierschichten in der Woche. Ordungsstrafen, das heisst Abzug vom Lohn waren an der Tagesordnung. Das Fass zum Ueberlaufen brachte jedoch die Einführung der “Alters-und Invalidenversicherung”. Den Beitrag von 70 Pfennig sahen dier Italiener ganz einfach als Lohnkürzung. Die Folge war der « wilde » Streik der Italiener im Jahre 1912, bei welchem es Tote gab.

 

 

Solidarität war damals ein Fremdwort. Die deutsche Direktion sprach von « italienischem Gesindel ». P. Christnach, « berittener Zollaufseher » im Ruhestand schrieb im Hinblick auf die Ereignissen von 1912 in Differdingen von « Pöbelhaufen », « Abschaum aller Länder », « Menschen die vor Mord und Raub nicht zurückschreckten ». Nur der Differdinger Schuster und Gewerkschaftler Georges Droessaert stellte sich damals hinter die Forderungen der Italiener.

 

 

Die Wohnverhältnisse der Italiener waren katastrophal. Auszug aus einem Leserbrief im Luxemburger Wort von 1907 : »Das Sparsystem, das die genügsamen Italiener hier einschlagen ist in hygienischer Sicht gewiss kein Empfehlenswertes, aber es lässt die Italiener weit billiger leben, als selbst unsere Landsleute. Eine ganze Anzahl Arbeiter mietet zusammen ein Quartier und oft liegen 8-10 Mann in einem Raum zusammen. Dasselbe dient zugleich als Stube, Küche und Schlafzimmer. » Daher würden sie mit sehr wenig Geld auskommen und monatlich viel Geld nach Italien schicken. Ausserdem sei es normal, dass den Italienern die schwersten Arbeiten zum geringsten Lohn zugeschoben würden. Und tatsächlich lebten gemäss Jean Reitz bis zu 22 Italiener in einem Haus. Den italienischen Einwanderern und ihren unhygienischen Wohnverhältnissen schob man auch die Schuld an der Typhusepidemie von 1900 zu. Während der Krisis von 1900 bis 1903 entliess man wie meistens, zuerst die unqualifizierten Italiener. Es blieb ihnen nichts anderes übrig als bettelnd durch die Gegend zu ziehen, was wenig zu ihrer Beliebtheit beitrug.

 

 

Bei so vielen Junggesellen, die auf engstem Raum miteinander auskommen mussten, war es nicht verwunderlich, dass Alkohol und darauf folgende Messerstechereien  an der Tagesordnung waren. Die Zeitungen berichteten genüsslich darüber.

 

 

Viele italienische Cafés entstanden, welche die Mehrheit der italienischen Arbeiter beherbergten. Ueberall wurden italienische Vereine gegründet, welche die italienische Kultur pflegten. Beipielsweise die italienische Musikgesellschaft « Guiseppe Verdi », welche Konzerte mit klassischen italienischen Komponisten anbot.  In Niederkorn entstand im Jahre 1900 eine italienische Unterstützungorganisation « Regina Elena, Operaia italiena di mutuo soccorso », welche sich um Italiener in Not in der Gemeinde kümmerte. (Armand Logelin : Differdange, chagrins et espérances). Nach und nach verbesserten sich die Wohn-und Lebensumstände. Die Familien der Arbeiter zogen nach, es wurden italienische Sprachkurse für die Einwohner angeboten. Die Integration der italienischen Kinder in unser Schulsystem wurde noch bis in die achtziger Jahre durch einen speziellen Deutschunterricht finanziert von der italienischen Botschaft gefördert.

 

 

 

Anfangs blieben die italienischen Einwohner unter sich und heirateten auch unter sich. Doch auch das änderte sich im Laufe der Jahre. Italienische Namen findet man heute bis in die höchsten Kreise der Stadt und des Landes. Die Nachkommen der damaligen italienischen Einwanderer sind heute vollständig in unsere Gesellschaft eingegliedert. Witze über die damaligen « Bieren » oder « Bodjaren »,  werden heute höchstens noch von den italienischen Abkömmlingen selber  gerissen.

 

 

Differdingen ging im Jahre 1981 eine Städtepartnerschaft mit der Ortschaft Fiuminata (Provinz Macerata) ein, weil die meisten Einwanderer von dort stammten. Wer dahin fährt, kann sogar mit vielen Einwohnern luxemburgisch sprechen, da sich viele frühere Schmelzbeschäftigte nach ihrer Arbeitszeit in ihr Heimatdorf zurückgezogen haben.

 

 

Das Dilemna des Einwanderers vergleicht auf poetische Weise Jean Portante, Sohn italienischer Einwanderer in Differdingen in seinem « Mrs Harroy ou la mémoire de la baleine » mit dem Dasein des Walfischs, der kein Landtier mehr ist, aber auch noch kein richtiger Fisch « N’étant donc chez elles ni dans la mer ni sur terre, les baleines vivaient, selon les dires de notre instituteur, une vie tragique. »

 

 

Die italienische Einwanderung in Differdingen spielt jedenfalls eine wichtige Rolle in der Geschichte unserer Stadt.

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