Die deutsche Zuwanderung in Differdingen
Wir haben im letzten Beitrag über die Einwanderung der Italiener in unsere Gemeinde berichtet. Anfang des vorigen Jahrhunderts gab es allerdings ein genau so wichtiger Zuzug von Deutschen. Allerdings gibt es heute kaum Spuren ihrer Präsenz in unserer Stadt.
Die Zusammensetzung der Differdinger Bevölkerung nach Nationalitäten sah am 1. Januar 1908 folgendermassen aus: 5.089 Luxemburger, 1412 Italiener, 502 Franzosen, 464 Belgier, 51 Oesterreicher, 12 Schweizer, 7 Holländer, 4 Ungarn, 3 Schweden, 4 Russen, 4 Amerikaner, 3 Türken, 1 Engländer und…6049 Deutsche! Also fast soviele wie Luxemburger und Italiener zusammen!
Wie kam das? Eigentlich hing dies mit den finanziellen Turbulenzen zusammen, in welche die 1896 auf Initiative von Alexandre de Gerlache gegründete « Société Anonyme des Hauts-Fourneaux de Differdange » geriet. Wegen Schwierigkeiten beim Beschaffen der Kohle, fusionierte die Gesellschaft 1899 mit der Zeche « Dannenbaum » aus Bochum und nannte sich jetzt « S.A. des Hauts Fourneaux Forges et Charbonnages de Differdange-Dannenbaum ». In dem Moment zählte der Verwaltungsrat bereits 4 Deutsche. Die Deutschen Max Meier und Reinhardt Eigenbrodt leiteten das Werk. Im Jahre 1901 geriet das Werk in massive finanzielle Schwierigkeiten und musste durch die Berliner Bank für Handel und Industrie gerettet werden. Von da an funktionierte sie weiter als « Deutsch-Luxemburgische Bergwerks-und Hüttenaktiengesellschaft » und gehörte jetzt zum Konzern des deutschen Grossindustriellen Hugo Stinnes. Sein Konglomerat entwickelte sich Laufe der Jahre zum grössten Montankonzern Deutschlands. Im Verwaltungsrat und im Vorstand des Differdinger Werks sitzen jetzt nur noch 2 Luxemburger : Paul Wurth und Charles Simons neben 14 Deutschen.
Ein Wort noch zu Generaldirektor Max Meier: Er war ein hochqualifizierter Fachmann. Unter seiner Regie wurden die berühmten Differdinger Gasmotoren erfunden und gebaut. Das Patent von Henry Grey wurde erworben und das Grey-Walzwerk gebaut. Die Schmelz erhielt weitere Hochöfen, ein Thomas-Stahlwerk wurde errichtet usw. Er kümmerte sich auch um Stromversorgung und Wohnungsbau in der Gemeinde.Seine Verdienste waren unbestreitbar und im Jahre 1904, also zu Lebzeiten des Generaldirektors, beschloss der Gemeinderat, die Strasse welche vom Marktplatz zum Werk und weiter nach Zolwer führt « avenue Max Meier » zu nennen. Erst nach dem Tod von Emile Mark wurde sie in « avenue Emile Mark » umgetauft. Der Direktor wurde auch vom Grossherzog mit dem Titel eines Ritters der Eichenlaubkrone ausgezeichnet.
Selbstverständlich fand die neue Führung die so dringend notwendigen Fachkräfte für den Hüttenbetrieb nicht in unserer Gegend und schon gar nicht in Differdingen. Es wurden daher Spezialisten aus allen Teilen Deutschlands angeworben. Sie nahmen nach und nach alle Führungsposten ein, vom Direktor, Betriebschef über das Verwaltungspersonal bis zum Werkmeister und Vorarbeiter. Zum Beispiel arbeiteten im Jahre 1912 1.200 Luxemburger im Werk, 1.400 Italiener und 1.300 Deutsche. Es gab also ausser den Führungskräften auch sehr viele mehr oder weniger qualifizierte deutsche Arbeiter hier.
Wie verhielt sich nun die deutsche Einwohnerschaft zur luxemburgischen?
Es sieht so aus, als habe es wenige direkte Kontakte zwischen den Deutschen und der übrigen Bevölkerung gegeben. Lucien Marc erzählt in seinen Erinnerungen an den ersten Weltkrieg folgendes : » --Si hunn séch fréier ganz fir sech gehalen, haten hier gemeinsam « Weihnachtsfeiern », hire « Kriegerverein ». hir « Pfadfinder » . Si sinn net an d’Déifferdanger Musek gaangen, mä haten hir eegen « Hüttenkapelle ».---All klenge Preis, dee bei de Bleser, wat och en Däitsche woar, kafe gaang ass, huet bei der Bestellung dobäi gesot, wat säi Papp op der Schmelz woar. Dann huet en e Rondel weider kritt. »
Es gab also etliche deutsche Vereine : Die « Hüttenkapelle », welche gemäss der angekündigten Programme Konzerte mit klassischem Repertoire anbot, ein « Flottenverein », der Kriegerverein « Germania », welcher jährlich einen Tag lang, heftig « Kaisersgeburtstag » feierte, wobei meistens einiges zu Bruch ging, der Turnverein « Attila », die Pfadfinder, welche die Einwohner öfters durch Kriegsspiele nervten. Viele deutsche Namen findet man in den Lokalnachrichten aus dieser Zeit, sei es bei Ehrungen hoher Hüttenbeamten, sei es bei den vielen Betriebsunfällen, oder gar bei kriminalistischen Tätigkeiten und sogar bei den Prostitutierten, welche von der rührigen Gendarmerie festgenommen wurden.
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Der Autor dieses Beitrages erinnert sich, dass ihm in den sechziger Jahren eine ältere Niederkorner Einwohnerin erzählt hat, dass die deutschen Kinder die Lieblinge der Schulschwestern waren. Sie sollen intelligenter, sauberer und fleissiger, als die Luxemburger und Italiener gewesen sein.
Durch die Deutschen gab es im Jahre 1908 894 Einwohner evangelischen Glaubens. Darunter viele vom Führungskader der Hütte. Generaldirektor Max Meier trat deshalb an die Gemeindeführung heran, damit diese eine protestantische Kirche baute. Im Jahre 1909 wurde der Bau im Gemeinderat debattiert und positiv bewertet. Das Ratsmitglied Emile Mark sah das anders : »Sie brauchen keine Kirchen, können ihre Messen und Andachten unter freiem Himmel halten ! ». Wegen des bevorstehenden Krieges wurde der vorgesehene Bau in « Schlossbongert » dann auch nicht ausgeführt.
Nach dem ersten Weltkrieg verlor der Hugo-Stinnes-Konzern seine Lothringer Werke und auch Differdingen. Die Hütte kam unter französisches Sequester und funktionierte später als HADIR weiter. Der Anteil der Deutschen an der Bevölkerung sank von 22,58 % im Jahre 1916 auf 8,72 % im Jahre 1922 (Goergen-Jacoby). Wo sie alle abgeblieben sind, ist schwer festzustellen. Jedenfalls blieben auch etliche im Land. So der in Berlin geborene Grossvater des Autors dieser Zeilen, der als Dreher und später als Werkmeister bei der « Deutsch-Luxemburgischen » arbeitete, eine Luxemburgerin heiratete und bis zu seinem Tode im Land blieb.
r. fleischhauer




