Wohnverhältnisse 1907

 

 

 

Vor 100 Jahren :

Katastrophale Wohnverhältnisse

 

 

Wenn man bedenkt dass es im Jahre 1895 gemäss einer Zählung 3.976  Einwohner in der Gemeinde gab und im Jahr der Verleihung des Stadttitels  14.000 (offizielle Zahl, die jedoch angezweifelt wurde) ,so kann man sich leicht vorstellen, mit welchen Problemen die Stadt zu kämpfen hatte. Es war nicht möglich so schnell Wohnraum für die all neu Hinzugezogenen zu schaffen, die im Hüttenwerk gebraucht wurden. Die Differdinger lebten sozusagen auf einem Haufen. Dies geht ganz klar aus einer Erhebung des « statistischen Büros » hervor :

 

 

Ueberfüllter Wohnraum

 

Die 3.976 Personen des Jahres 1895 wohnten in 619 Häusern. In den folgenden 10 Jahren stieg die Einwohnerzahl gemäss der Erhebung des statistischen Büros um 272%, während die Zahl der Häuser nur um 196% zunahm. Dieselbe Untersuchung ermittelte im Jahre 1906  2098 besetzte Wohnungen mit insgesamt 10.480 Bewohnern. Es kamen also rund 5 Personen auf eine Wohnung.

 

 

Die Wohnungen waren jedoch sehr klein und so kamen in 321 Mietwohnungen, in 34 Eigentumswohnungen und 5 Freiwohnungen mehr als zwei Personen auf ein Zimmer. Schon damals galt eine Wohnung als überfüllt, wenn zwei oder mehr Personen pro Zimmer gezählt wurden.  Man sprach von einer « übermässigen, anthygienischen und sogar unmoralischen Ueberfüllung. »

 

 

Wie sah so eine Wohnung aus ? Auch hier spricht die Statistik : « Von den 4154 Zimmern der Mietwohnungen werden 413 als reine Küche und 375 als reines Wohnzimmer benützt so dass nur auf jede dritte bis vierte Mietwohnung je eine Küche und ein Wohnzimmer entfielen. Dagegen wurden 231 Zimmer gleichzeitig als Küche, als Wohnzimmer und Schlafzimmer benützt, »

 

 

Das statistische Büro wundert sich auch über das Volumen des Wohnraums, das in Differdingen einem Bewohner zur Verfügung stand. Im Allgemeinen verlangten die Hygieniker schon damals 30 bis 40 Kubikmeter pro Person. « Was minder ist, ist eine Konzession an das Schicksal », bemerkte damals der Hygieniker Schuster. In den Zellen des Staatsgefängnisses in Luxemburg durfte ein Gefangener nicht weniger  als 24 Kubikmeter Luftraum haben. Für Differdingen hat man ausgerechnet, dass 4607 Personen, also nahezu die Hälfte der Bewohner über weniger als 20 Kubikmeter Luftraum verfügten, dass ihnen also nicht einmal der den Sträflingen zugestandene Wohnraum blieb ! Man mag sich ausrechnen über wieviel Kubikmeter heute eine Person in ihrer Wohnung verfügt. (4-500 mindestens).

 

 

Mieter und Schlafgänger.

 

Ganz viele Haushalte vermieteten Zimmer oder Betten um sich ein kleines Zubrot zu verdienen. Es wurde alles vermietet, was auch nur notdürftig als Unterkunft dienen konnte : fensterlose Räume, Keller, Speicher, Mansarden, Hintergebäude , Schuppen usw. Insgesamt traf man 380 Haushalte mit Zimmermietern oder Schlafgängern. Es wurden 55 Schlafzimmer gezählt, die gleichzeitig von Familienmitgliedern und Schlafgängern benutzt wurden. Als « verwerflich » bezeichnete man den Zustand, dass in einigen Wohnungen sogar die Familienmitglieder die Betten mit Fremden teilten. Ein Schläfer hatte oft weniger als 10 Kubikmeter Luftraum für sich. Die italienischen Junggesellen waren am schlimmsten dran. In ihren Baracken wurde ein Bett von mindestens 3 Bewohnern in der Abfolge der Schichten auf der Hütte benutzt. Sie wurden nie kalt. Die « tâcherons » oder Kleinunternehmer vermieteten neben einem Ausschank oder einem Lebensmittelgeschäft auch Zimmer an Arbeiter. Verschiedene wie das Haus Rodighiero beherbergten an die 50 Pensionäre. (Antoinette Lorang : Luxemburgs Arbeiterkolonien und Billige Wohnungen)

 

 

Von Hygiene keine Spur.

 

Von Hygiene konnte man wohl kaum sprechen wenn man feststellen musste, dass 500 Toiletten von je zwei Familien benutzt wurden, 279 wurden von je 3 Familien , 120 von 4 und 195 von 5 und mehr ! Von den insgesamt 1409 gezählten Aborten wurden 695 in Bütten und Fässer abgeleitet. Auf einer der Wohnungskarten in Oberkorn fanden die Zähler folgende Bemerkung : » Abort dicht am Bache gelegen und ohne Tür ;wenn das Fass voll ist , lässt man es in den Bach laufen. »

 

Ueber die immer wieder auftretenden Typhuserkrankungen brauchte man sich also nicht zu wundern.

 

 

Zum Teil teuere Mieten

 

Was die Miete für die 1360 Mietwohnungen betrifft, so hat man ausgerechnet, dass ein Arbeiter ungefähr den sechsten Teil seines Einkommens fürs Wohnen aufwenden musste.

 

 

In den verschiedenen Ortschaften der Gemeinde wies Oberkorn im Allgemeinen die ungünstigsten Wohnverhältnisse auf, während es in Lasauvage, wo alle Wohnungen dem Grafen De Saintignon gehörten mit dem Wohnen am besten bestellt war. Die Arbeiterwohnungen der Differdinger Hüttengesellschaft waren anscheinend genau so überfüllt wie die sonstigen Mietwohnungen. Der Mietpreis für die vom Arbeitgeber zur Verfügung gestellten Wohnungen war jedoch sehr viel niedriger. Hier bezahlte man zwischen 10 und 15 Franken pro Monat für eine Dreizimmerwohnung, während eine Dreizimmerwohnung auf dem freien Wohnungsmarkt auf 25 Franken monatlich kam.

 

 

Es dauerte viele Jahre, bis man wenigstens die schlimmsten Zustände beseitigen konnte. Der Wohnungsmangel beschäftigte bis in die 80er Jahre die Differdinger Gemeindepolitiker. Die diversen Gemeindepolitiker setzten im Laufe der Jahre viel daran , um billigen Wohnraum für die Arbeiter zu schaffen. Heute stellt sich das Problem nicht mehr in dem Masse und das Hauptgewicht der kommunalen Bemühungen kann auf die Verbesserung der Lebensqualität gelegt werden.

 

 

                                                                                              r.fleischhauer

 

 

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