Probleme 1907
Sorgen einer explodierenden Stadt
Der Minenprozess
Nach den Sorgen, die der unehrliche Gemeindeeinnehmer im Juli 1907 der Verwaltung bereitete, geriet im September der Gemeinderat unter Bürgermeister Conzémius in eine offene Konfrontation mit einem Teil der Bürgerschaft. Der Gemeinderat beabsichtigte Minenfelder in « Grossenbusch » zu verkaufen. Der Verkauf stand mehrmals auf der Tagesordnung des Gemeinderats. Am 7. September 1907 fand eine Protestversammlung von ein paar hundert Differdinger Bürgern im Saale Theis-Rollinger statt. Hier wurde eine Protestnote mit 200 Unterschriften an den Gemeinderat verfasst. Die Differdinger Bürger befürchteten nämlich, dass durch einen Minetteabbau auf « Grossenbusch » die Quellen, aus denen die Stadt ihr Trinkwasser bezog, zerstört würden. Ausserdem waren diese Bürger der Meinung, dass der Gemeinderat bei einem Preis von 200 Fr pro Ar das Terrain regelrecht verschleuderte. Die Gemeindeverwaltung hatte wohl eine « Wasserklausel » in das Angebot gesetzt. Da sich jedoch wegen dieser Quellenschutzklausel kein Liebhaber meldete, wurde die Klausel wieder aus dem Vertrag genommen, was den Zorn der Bürger hevorrief. Es folgte der berühmte « Minenprozess » von 1907 den die Gemeinde verlor.
Wassermangel
Sowieso war die Wasserversorgung der neuen « Stadt » katastrophal. Ein Differdinger Bürger mit Humor stellt in der « Escher Zeitung » die Frage : »Weshalb wird die Stadt Differdingen niemals reich werden ? und antwortet dann selbst : »Weil die Einwohner stets Bier und Wein trinken müssen, da die teure Wasserleitung nur ein paar Liter Wasser pro Tag und Kopf verteilt ! » Und fährt fort : »..denn will man Wasser haben, so geht man an die Leitung, dreht den Hahn derselben dreimal auf, worauf ein heftiges Sprudeln erfolgt, dann ein langsames Zischen, welches sich alsdann allmählich in ein fernes Rauschen verläuft. Hat man diese Operation drei-bis viermal wiederholt, so hat man ungefähr drei bis vier Liter des edlen Nasses erhalten, welches alsdann in Flaschen gezapft und bis Kirmessonntag aufbewahrt wird. » 1911 kam dann endlich die intersyndikale Wasserleitung, wodurch dieses Problem gelöst war.
Separatistische Gelüste der Niederkorner
Zu dieser Zeit waren die Sektionen Niederkorn und Oberkorn weit selbstständiger. Sie wählten ihre eigenen Ratsmitglieder in den Differdinger Gemeinderat und verfügten zum Teil über ein eigenes Budget. Die Niederkorner fühlten sich bei der Verteilung der Gelder benachteiligt. Es enstand eine separatistische Bewegung, die darauf hinauslaufen sollte, Niederkorn komplett von der Gemeinde Differdingen zu lösen und eine eigene Gemeinde zu bilden. Eine Kommission überreichte 1911 einen entsprechender Antrag mit der Unterschrift von 200 Niederkorner Wahlberechtigten an die Regierung. Der Anfrage wurde jedoch nicht stattgegeben.
Typhus
Ein anderes Problem beschäftigte die Gemeindeväter zu dieser Zeit : Es gab mehrere Typhusepidemien. Im Jahre 1909 stellte man 20 Fälle in der Gemeinde fest. Im Stadtrat führte man dies darauf zurück, dass noch in vielen Häusern das Wasser aus Brunnen entnommen wurde und dass überhaupt Wassermangel herrschte. Das Haus 46, Nikolausstrasse wurde als Ausgangsherd der Epidemie bezeichnet. Rat Pinth bemerkte, « in diesem Haus wimmelt es von Italienern, welche sich Tag und Nacht ablösen in den Betten. ».Tatsächlich gab es in diesem Haus gleich drei Fälle.
Kriminalität und Schmutz
Raubmord, Diebstahl, Schlägereien, Messerstechereien und vor allem Unfälle auf der Hütte und im Erzabbau waren an der Tagesordnung . Ein für uns heute kaum nachvollziehbarer Zustand war der Schmutz in den Strassen. Mehrmals wies man in den Zeitungen darauf hin. Man müsse in Regenzeiten in den Strassen durch « fusshohen Kot waten », der neue Bürgersteig nach Niederkorn sei nicht mehr zu benützen , er sei « stellenweise durch breiige Kotmassen geradezu ungangbar geworden », « trotzdem Differdingen zur Stadt ernannnt worden ist », müsse man « mit Bedauern feststellen, dass es noch wenig städtisches Aussehen besitzt », bei regnerischem Wetter könne man die Strasse nur mit Stiefeln begehen.. » usw
Zwischen der Volkszählung von 1895 und 1906 hatte die Bevölkerung um sage und schreibe 272 % zugenommen. Nach amtlicher Feststellung betrug die Einwohnerzahl im Jahre 1907 12.110 . (Im Gemeinderat sprach man jedoch von 14.000). Selbstverständlich konnte der Wohnungsbau dieser Entwicklung nicht folgen mit dem Resultat, dass in Differdingen zur Zeit der Verleihung des Stadttitels katastrophale Wohnverhältnisse herrschten.
Bildzeile : Nur die schönsten Ecken der Stadt dienten als Motiv für Postkarten

r. fleischhauer








