Missstände 1907
Stadttitel bedeutet nicht unbedingt Lebensqualität.
Der türkische Schriftsteller Orhan Pamuk, Nobelpreisträger für Literatur 2006 beschreibt in seinem Werk « Istanbul, Erinnerungen an eine Stadt » seine Heimatstadt in allen ihren so vielfaltigen Facetten. U. a erzählt er, dass wegen der allgemeinen Zensur es einem Journalisten nicht erlaubt war, politische Persönlichkeiten zu kritisierten. So « stürzte » sich der Journalist Ahmet Rasim auf städtische Alltagsprobleme , « denn solche werden immer gerne gelesen, » schrieb er.
Ob Journalisten und Lokalkorrespondenten vor hundert Jahren politische Themen untersagt waren, glauben wir nicht. Dennoch « stürzten » sie sich auch gerne auf Aergernisse des Alltags. Und eine aus allen Nähten platzende neue « Stadt Differdingen » gab genug her für kritische Anmerkungen :
Hier was vor hundert Jahren in der « Escher Zeitung » angemerkt wurde :
Die Strassen erinnerten wohl an « Dawson City » :
- « Differdingen : 3. April : Trotzdem Differdingen zur Stadt ernannt worden ist, muss man mit Bedauern sehen, dass es noch wenig städtisches Aussehen besitzt. Betrachtet man beispielsweise die meisten Strassen, so sieht man den Schmutz bei regnerischem Wetter derart angehäuft, dass man fast genötigt wäre grosse Stiefel anzuziehen. Sollte unser Stadtrat nicht bald ein Mittel finden, diesen Uebelständen abzuhelfen ! Es wäre doch so leicht. »
Sicherheit war nicht von ungefàhr ein Thema :
- « Differdingen 27. Oktober : Die Zahl unserer Gendarmen ist um einen Mann vermindert worden. Diese Massregel erscheint uns durchaus unberechtigt. Die stets zunehmende Bevölkerung unserer Stadt würde eher eine Vermehrung, denn eine Verminderung rechtfertigen. Wie viele Ueberfälle liest man täglich von hier in den Zeitungen ! An den Zahl-und Sonntagen müssen unsere Gendarmen beständig auf den Strassen patrouillieren. Rechnet man dazu noch die Ueberwachung des fremden Gesindels, das sich hier herumtreibt, der Animierkneipen und sonstigen Buden, so begreift man nicht, wie die genannte Massregel getroffen werden konnte. Hoffentlich wird sie bald rückgängig gemacht werden ! »
Ein Problem das sich über 90 Jahre hinzog :
- « Differdingen, 7. November : Der Wasserlauf der « Korn » bedarf einer gründlichen Reinigung. Das gesammte Bett derselben ist derartig verschlammt und mit Unrat angefüllt, dass unbedingt eine umfassende Säuberung vorgenommen werden muss, schon allein aus hygienischen Umständen. »
Heute unvorstellbar :
- « Differdingen, 16. Dezember : Seit etwa 6 Monaten leidet hiesige Ortschaft derart an Wassermangel, dass die Wasserleitung tagsüber nur zu 2 verschiedenen Malen während einer Stunde geöffnet ist. »
Heute ärgert man sich über Hundekot :
- « Differdingen, 14. Januar : Hoffentlich werden unsere Polizeiorgane die Ueberwachung der « Schweinigel », welche regelmässig die Umgebung des « Rathaus », der Kirche und der Schulen ausersehen, um ihre Fäkalien dort niederzulegen für die Zukunft besser ausführen. Es ist eine Schande wie gewisse « Saukerls » am öffentlichen Tage sich hinstellen, die Hose aufreissen, ihr Geschirr zeigen und mit einigen Schwenkungen nach rechts und links in die blaue Luft schiffen. Pfui Teufel ! Die ganze Nachbarschaft beschwert sich über diese aller Moral sprechende « Schweinerei ». Falls nichts geschieht, werden wir diese « Hallunken » öffemtlich an den Pranger stellen. Solche Kerls gehören in den Stall des « Epicur » ! »
Bürgersteig oder Strasse für Fussgänger ?
- « Differdingen 24. November : Als im vorigen Jahr die hiesige Stadtverwaltung längst der Staatsstrasse Differdingen-Niederkorn ein Trottoir anlegen liess, wurde diese Neuerung überall mit Freuden begrüsst ; man brauchte eben nicht mehr durch den fusshohen Kot zu waten, welcher besonders zur Regenzeit auf dieser verkehrsreichen Strasse lagert. Heutzutage ist es jedoch an verschiedenen Stellen vorzuziehen, eher die Strasse als den Bürgersteig zu benützen, weil derselbe stellenweise durch breiige Kotmassen geradzu ungangbar geworden ist. Es steht zu erwarten, dass die massgebenden Behörden etwas denken an die Hunderten von Arbeitern die täglich diesen Weg passieren müssen und deshalb baldigst Remedur schaffen. – Auch möge man uns die leise Anfrage gestatten, ob der mechanische Kehrbesen, welcher etwa vor 2 Jahren der hiesigen Gemendeverwaltung vom Staat übergeben worden ist , bereits pensioniert worden ist. Dieser Besen war eine Zeit lang im Gebrauch und man war allgemein mit seiner Leistung zufrieden . Warum hat man denselben seit einem Jahr nicht mehr zu Gesicht bekommen ? Wahrlich es wäre kein Zeitverlust, wenn derselbe eine kleine Spritzfahrt durch die Berg-Brunnen-und Marktstrasse unternehmen würde. »

Bildzeile : Kaum Strassenbelag
r. fleischhauer








