Minières IV

 

 

Das Leben des Bergmanns

 

Von der Gefahr geprägt

 

 

Durch seine Kleidung (Samthose, Schärpe, « Murkstricot », « Jilli » und der unvermeidliche rote « Fischi »), wie auch durch seinen Stolz und seine unverblümte Rede (« vun der Long op d’Zong ») trug der Bergmann Anfang der vorigen Jahrhunderts viel zum Bild des « Minettdapp » bei. Bei seiner Arbeit musste er sich voll und ganz auf seinen Nebenmann verlassen. Das band ihn an seine Arbeitskollegen, das förderte auch das gesellschaftliche Leben in den Minettortschaften.

 

 

Selbstverständlich fand man nicht genug Arbeitskräfte im Land, so dass die meisten Bergarbeiter aus dem Ausland stammten. Vor 1900 waren es eher Wanderarbeiter, welche von der Strasse weg vom Meister engagiert wurden, ein Zeitlang in einer Grube arbeiteten und dann weiterzogen.

 

 

Im Jahre 1908 arbeiteten 5607 Luxemburger in den Gruben des Landes, 822 Belgier, 2130 Deutsche, 327 Franzosen, 4543 Italiener und 222 anderer Nationalitäten. Im Jahre 1926 waren es 16185 Luxemburger, 1490 Belgier, 2890 Deutsche, 770 Franzosen, 3506 Italiener, und 867 anderer Nationalitäten.

 

 

Im Jahre 1913 arbeiteten in den Differdinger Gruben: 260 Luxemburger, 208 Italiener, 68 Deutsche, 38 Belgier, 54 Franzosen und 3 anderer Nationalitäten. Luxemburger und Italiener hielten sich in den Gruben wie auch im Werk die Waage.

 

 

Die Arbeitsbedingungen in der « Galerie » sind heute unvorstellbar: Anfang des vorigen Jahrhunderts wurde an 6 Tagen die Woche gearbeitet. Urlaub oder Ruhetage gab es keine. Am 1. August 1909 wurde deshalb u.a. in Differdingen der Bergmannsunterstützungsverein « Glück auf » gegründet. Er funktionierte auf Solidaritätsbasis. « Zweck des Vereins war, den kranken und verwundeten Mitgliedern, während der Dauer ihrer Arbeitsunfähigkeit eine zeitweilige Unterstützung zu gewähren «   schreibt der heutige Präsident des Unterstützungsvereins Arthur Huss in der Broschüre zum 95ten Jubiläum des Vereins.

 

 

Der Bergmann musste sein Essen an seiner Arbeitsstelle, wo sich die Ratten tummelten,  einnehmen. Von Hygiene konnte man da nicht sprechen. Um neuen Uhr war meistens die erste Pause. Der Bergmann aß dann seine « Kuuscht » welche sehr oft aus einem Wurstbrot (Lyoner oder Leberwurst ,« Groen Drot ») und Kaffee bestand.  Wie ein Abort in der « Galerie » aussah, kann man sich vorstellen. Erst viel später durfte sich der Bergmann ausserhalb der Grube in der Waschkaue waschen, so dass er wenigstens sauber nach Hause ging.

 

 

Dr Alexander Klein, früherer Betriebsarzt im Differdinger Werk zählt im « Korspronk No 18 » die Krankheiten auf, die den Bergmann befielen: Vor allem die Siderose oder Staublunge, aber auch andere Lungenkrankheiten, bedingt durch die Dieselabgase und vor allem auch den exzessiven Tabakkonsum. Diese Krankheiten machten sich bis ans Lebensende durch Husten und Schleimauswurf bemerkbar

 

 

Ein wahres Uebel unter den Bergleuten (und den Schmelzarbeitern) war allerdings der Alkoholismus, der nicht nur die Gesundheit des Arbeiters ruinierte, sondern oft auch seine vielköpfige Familie ins Unglück stürzte. Möglich, dass die gefahrvolle, schwere und eintönige Arbeit daran Schuld war. Im Jahre 1907/1908 gab es in Differdingen 1 Ausschank pro 63 Einwohner ! ! Es handelte sich öfters um primitiv zusammengezimmerte Holzhütten nach dem Modell der « Giedel » in Fond-de-Gras. Noch in den 60er und 70er Jahren gab es in der Gegend des Thilleberg und in der Nähe des Portals in der Emile-Markstrasse fast mehr Wirts-als Wohnhäuser. Bei Schichtanfang und Schichtschluss warteten dort die gefüllten « Humpen » und Branntweingläser in einer Reihe auf der Theke. Alte Rechnungen, die man bei der « Giedel » fand, beweisen, dass dort zeitweise mehr Liter Branntwein, als Bier verkauft wurden.

 

 

Ueber Sicherheit sprach anfangs niemand. In den Gruben geschahen die schrecklichsten Unfälle. Im Laufe der Jahre wurde immer mehr in die Sicherheit des Bergarbeiters investiert und auch für seine Familie wurde bei Tod oder Invalidität gesorgt. Zwischen 1845 und 1981 fanden 1445 Bergleute den Tod in den Luxemburger Galerien. Der Aelteste war 78 Jahre alt und der Jüngste knapp mal 13 ! Allein zwischen 1875 und 1914 verloren 60 Bergleute das Leben in den Differdinger Gruben. (Logelin :Differdange, chagrins et espérances). Zwei Deputierte der nationalen Kammer starben in der « Galerie »: Jean Schortgen und J-P. Bausch. Unfälle mit zum Teil Schwerverletzten wussten die Zeitungen fast monatlich zu vermelden. Die tiefe Verehrung der hl. Barbara, der Schutzpatronin der Bergleute ist also durchaus verständlich. Ihr Fest am 4. Dezember wurde seit jeher von allen Bergleuten zünftig gefeiert, ob sie nun gläubig waren oder nicht.

 

 

Zum Schluss möchte ich den in Differdingen geborenen Dichter und Schriftsteller Jean Portante zitieren, der mit « Miss Harroy ou la mémoire de la baleine » wohl das schönste und treffenste Buch über Differdingen und seine italienischen Einwanderer geschrieben hat :

 

 

La mine du Thillenberg  : « On m’a dit que le mur qui bouche l’entrée de la mine est une barrière de protection. A-t-on peur que les morts ne sortent et viennent crier vengeance ? Il y a de quoi. La richesse du pays s’est accumulée à coups de pelle et de pioches. Sans oublier le sang. Mais l’oubli a mis un drap noir sur tout ça. »

 

 

 

Bildzeile : « Bergarbeiter » des Differdinger Künstlers Ben Reuter

 

(Foto Francis Bernard)

 

 

 

                                                rfleischhauer

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