Jahresrückblick 1908

 

 

Rückblick auf das Jahr 1908 :

 

 

Unter der Rubrik “Differdingen“ berichteten die Zeitungen aus dieser Zeit fast täglich über grausige Unfälle im Hüttenwerk, über Diebstähle, Einbrüche, Schlägereien und Messerstechereien mit schlimmen Folgen. Das tat auch die “Escher Zeitung“. Neben dieser üblichen “Kost“ gab es doch auch noch andere berichtenswerte Ereignisse im Jahre 1908 :

 

 

 

 

 

Januar :

 

 

Aus Lasauvage wurde gemeldet, dass der Hüttenherr Graf de Saintignon nach Kohlen bohrte. Auf 750 Metern liege nämlich eine Kohlenschicht von 20 cm Dicke. Man zeigte sich bereits erfreut darüber, dass man jetzt “Kohlen und Eisenerz beisammen hätte.“

 

 

Februar :

 

 

Voll des Lobes war man über eine  Vorstellung von “Differdange Attractions“  im Hotel Thommes. Frl Mila Hirschberger verfasste eine “poetische“ Kritik des Abends. Auszug :

 

                                 “ Der Schornsteinfeger wirft sich in Wichs,

                                   Im Scholdschein von unserem Dicks,

                                   Sie spielten alle wunderschön

                                   Im Grabe würde Dicks sich drehen,

                                   Wenn er hört’ wie in Differdingen

                                   Seine schönen Lieder klingen.“

 

 

März

 

 

Der flüchtige Gemeindeeinnehmer wird ersetzt :“Mit dem ersten März wird Hr Einnehmer Schwinnen seine Amtsperiode beginnen. Die Amtsstube befindet sich in seinem Wohnhause (!) Bergstrasse, 3“

 

 

April.

 

 

Zum ersten Mal wird in Niederkorn ein Wochenmarkt abgehalten.

 

 

Juli :

 

 

Die Ehrungen und Ovationen für den neuen Deputierten Emil Mark verliefen glänzend. Ueber 18 Gesellschaften und Vereinigungen beteiligten sich am Festzug. Dieser zog durch Differdingen, Oberkorn und Niederkorn. “Der Ehrenbaum wurde während des Umzuges vor der Wohnung des neuen Deputierten gepflanzt.“

 

 

Juli :

 

 

Eine Vereinigung früherer deutscher Militärpersonen hatte sich gebildet. Bedingt durch die “Deutsch-Luxemburgische“ belief sich der Anteil der Deutschen auf nahezu 30% der Bevölkerung.

 

 

August :

 

 

Differdingen wurde durch eine “scheußliche Bluttat“ erschüttert: Die 13-jährige Tochter des Hüttenarbeiters Hay, die auf dem Berg die Kühe hütete, wurde von ihrem Vater gefunden :“mit entblößtem Unterkörper und durchschnittenem Hals in einer Blutlache liegend“. Die Spurensuche der Polizei führte schließlich zum Mörder.

 

 

August.

 

 

Ableben einer bekannten Persönlichkeit.

“12. August : Montag morgen um 10 Uhr ist Hr. Baron de Gerlache im Alter von 49 Jahren gestorben. – Der Verstorbene gehörte der luxemburgischen Kammer von 1896 – 1902 als Vertreter des Kantons Esch an; als solcher übte er sein Mandat in konservativ-katholischem Sinne aus. Hr. de Gerlache war eine allgemein geachtete Persönlichkeit. Sein Tod kommt ziemlich unerwartet. Erst am Freitag kehrte er von einer 6-monatigen Auslandsreise zurück“. Fügen wir hinzu, dass Alexandre de Gerlache Besitzer des  Gerlache-Schlosses und erster Präsident des Verwaltungsrates der neu gegründeten Hütte war.

 

 

September :

 

 

Die “Deutsch-Luxemburgische Bergwerks-und Hütten-Aktiengesellschaft“ florierte. Sie beabsichtigte einen 8ten Hochofen zu bauen, da die derzeitige Roheisenproduktion zur Versorgung des Stahl-und Walzwerkes noch nicht ausreichte.

 

 

 

 

September :

 

 

Probleme der Gemeindeverwaltung “Unsere Stadtverwaltung scheint bei der Regierung nicht gerade Gnade zu finden. Die Minettsangelegenheit ging gegen den Strich, (die Gemeinde verlor den Prozess), das Alignement Hausemer wurde über die Köpfe der Stadträte hinaus von der Regierung genehmigt und nun wird zu guter Letzt die definitive Anstellung des Polizeikommissars einstweilen verschoben. Ein Witzbold meinte. “Wir brauchen keinen Stadtrat mehr, wenn dieser so wenig Beachtung höheren Ortes findet.“

 

 

Oktober :

 

 

Man ärgerte sich darüber, dass die Zahl der Gendarmen in Differdingen um einen Mann vermindert wurde : “Wie viele Ueberfälle liest man täglich in unseren Zeitungen. Rechnet man dazu noch die Ueberwachung des fremden Gesindels, das sich hier herumtreibt, der Animierkneipen und sonstiger Buden, so begreift man nicht, wie die genannte Maßregel getroffen werden konnte… “

 

 

November :

 

 

“Sport“. Am 7. November traf der Differdinger “Sportclub“ (Vorläufer der Red-Boys) sich mit dem “Club sportif Longovicien“ aus Longwy. Die Differdinger unter Präsident Edg. Fritsch gewannen mit 5 zu 1 “Goals“. “Besonders setzte die Zuschauer die schöne Taktik, mit welcher die Differdinger Stürmer aufeinander spielten in Staunen.“

 

 

November :

 

 

Ein Mittel der Direktion bei Flauten im Hüttenwerk sind Lohnabzüge. Bis zu 10% wird den Arbeitern abgezogen. Wenigstens wird diesmal niemand entlassen.

 

 

Dezember

 

 

Eine weiter Bluttat bringt die Stadt in Aufregung: Das Ehepaar Strauß-Bonem, Inhaber eines Konfektions-Mützen-und Schuhwarengeschäfts wird abends überfallen.  “Strauß erhielt mehrere Schläge über den Kopf, die so wuchtig ausgeführt waren, dass das Gehirn umherspritzte und derselbe lautlos zusammenbrach. Die Gattin erhielt einen furchtbaren Schlag an die Schläfe. Sie überlebte, fiel jedoch von einer Ohnmacht in die andere und erinnerte sich an nichts mehr. Herr Strauß verschied noch in derselben Nacht. Erwähnen wir noch, dass der Täter gefaßt wurde.

 

 

Dezember

 

 

Wassermangel

“Seit etwa 6 Monaten leidet hiesige Ortschaft derart an Wassermangel, dass die Wasserleitung tagsüber nur zu 2 verschiedenen Malen während einer Stunde geöffnet ist.“

 

 

Dezember

 

 

Vielleicht eine Folge davon : “Unter dem Arbeiterpersonal der Differdinger Hüttenwerke ist der Typhus ausgebrochen. Zirka ein halbes Dutzend Leute sind davon befallen.. “

 

 

 

 

                                                                                              r. fleischhauer

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