Hondsbësch
122 Refraktäre im Bunker “Honsbësch” in Niederkorn
Von Februar bis August 1944 waren bis zu 122 junge Luxemburger, welche aus der Wehrmacht desertiert waren, oder sich der Zwangsrekrutierung entziehen wollten, in einer stillgelegten Eisenerzgrube in Niederkorn versteckt. Dass sie nicht entdeckt wurden und dass sie überhaupt überleben konnten, verdanken sie etlichen Niederkorner Familien und vielen anderen Helfern, welche es in diesen Zeiten der absoluten Lebensmittelknappheit fertig brachten, die 122 während all dieser Monate heimlich zu ernähren und ihnen das Leben in ihrem feuchten Verlies so angenehm wie eben möglich zu machen.
Eine bevorstehende Razzia
Das Ganze begann damit, dass am 5. Februar 1944 in Niederkorn das Gerücht sich breit machte, dass die Gestapo hier eine Razzia veranstalten wolle, um die jungen Fahnenflüchtigen zu finden, welche bei mehreren Familien dort versteckt waren. J.P Gratia., der als Nachtwächter bei den Gruben beschäftigt war und selbst 2 Deserteure versteckt hielt, sah sich um und schlug vor, alle “Jongen” in einen stillgelegten Teil der Grube “Honsbësch” zu bringen. Am ersten Abend konnten so 6 Flüchtige und ein politischer Flüchtling hier untergebracht werden. Bereits am 17. Februar war die Zahl auf 17 angewachsen, da das Versteck sich als geeignet erwies. Monat für Monat kamen neue Fahnenflüchtige hinzu, so dass die Zahl im August bei 120 lag. Das war kein Spass mehr. Eine Art Organisationsgruppe bestehend aus Resistenzlern bildete sich. Diese Gruppe leistete fast Unmögliches.
Es wurden strenge Regeln aufgestellt: Am Tage mussten alle absolute Stille bewahren , denn in den angrenzenden Galerien wurde gearbeitet. Während dieser Zeit schliefen die jungen Leute. Nachts durften die Eingesperrten an die frische Luft. Nachts wurde auch gehämmert und gezimmert, um die feuchte Grube wohnlich zu machen. Es wurden Betten gebaut, Tische und Bänke. Später musste noch ein zweiter Schlafsaal und dann ein dritter Aufenthaltsraum im“Bunker “ hergerichtet werden.. Es wurde Oefen aufgestellt. Anfangs wurden Karbidlampen benützt, später legte man sogar elektrischen Strom, so dass der Bunker elektrisch beleuchtet werden konnte. Sogar über ein Radio verfügten die “Jongen” , die so die so wichtigen Kriegsnachrichten abhören konnten.
Ausgefeilte aber gefahrvolle Logistik.
Was die Verproviantierung der 122 betrifft, so lassen wir Jean Poupart, einen der Helfer in seinen “Notizen” zu Wort kommen.
--”Aber das wurde meiner Mutter doch zuviel mit der Kocherei und es musste daran gedacht werden,dass in den Bunkern selbst gekocht werden müsste, was nach Anschaffung grosser Töpfe und Kessel auch gemacht wurde. Aber die Sache mit dem Fleisch kochen oder braten war doch nicht so einfach, denn der Geruch desselben konnte die Jungen verraten. So wurde das Fleisch wieder unten bei den Eltern zubereitet und wurde dort abgeholt durch einige Jungen unter Aufsicht eines Beobachters, der Posten zu stehen hatte.um die angelieferten Lebensmittel von den verschiedenen Lagerplätzen abzuholen.”---
” Anfangs wurde das Brot von einzelnen von uns von verschiedenen Bäckern abgeholt und in Säcken bei Dunkelwerden zur Grube getragen. Doch mit der Zeit ging das auch nicht mehr. Ich musste mich umsehen nach geeigneten Häusern und fand sie auch nach kurzer Zeit. Jetzt wurden jeden Tag bis zu 150 Pfund geliefert von 2 Bäckern mit Auto und Triwagen. Ueberhaupt die ganze Verpflegung musste jetzt im grossen Format betrieben werden, denn wir mussten darauf bedacht sein, dass eine gnügend grosse Reserve vorhanden sei im Falle wo wir uns hier draussen nicht viel rühren könnten, was jeden Tag eintreten konnte. Für frische Wäsche sorgte meine Mutter und meine Frau aufs beste durch Waschen und Flicken derselben, was in der Woche bis zu 50-60 Unterhosen, Trikots, unzählige Strümpfe, Handtücher und Trockentücher waren. Das war oft eine mühselige Arbeit um alles trocken zu bekommen. Die vorerwähnten Absatzlager wurden in dem Gemeindeatelier, der “Gel”, und der Garage des Herrn Schaack sichergestellt. Von dem Atelier aus wurden zum grössten Teil die Kartoffeln und andere Lebensmittel, die per Auto aus den verschiedenen Dörfern geliefert wurden von den Jungen nachts zur Grube hinaufgetragen.
Grosse Sammelaktionen von Lebensmitteln wurden von uns hoch oben im Oesling ausgeführt und dann mit dem Auto von der Gemeinde angeholt. “--
Gefährlicher Uebermut.
Es war kein leichtes Unterfangen, 122 junge Burschen 7 Monate lang ruhig zu halten. Obschon man Disziplinlosen mit der Todesstrafe drohte, kam es einmal vor, dass einer aus purem Uebermut nachts einen Förderwagen mit Erz belud, andere setzten elektrische Fördermaschinen in Gang. Andere wiederum machten eine Spritztour in der Umgegend. Man kann sich vorstellen, dass die vielen Helfer darüber nicht glücklich waren, denn wenn die Nazis das Versteck entdeckt hätten, wären nicht nur die Deserteure dran gewesen, sondern auch alle die zahlreichen Helfer, die dann ihren selbstlosen Einsatz für andere wahrscheinlich mit dem Leben bezahlt hätten.
Panik und Evakuation
Im August forderten die Deutschen Pläne der Gruben an. Dies kam den Eingeschlossenen zu Ohren. Panik kam auf und unter den jungen Leuten entstanden heftige Diskussionen und Streitereien. Die Lage war nicht mehr zu halten und man beschloss den Bunker zu räumen. Auch diese Evakuation von 122 Refraktären ging reibungslos dank der perfekten Organisation der Verantwortlichen und einem grösseren Netz von Helfern und Resistenzlern über die Bühne. Niemand wurde geschnappt. Später stellte sich dann heraus, dass nicht die Gestapo sondern die Wehrmacht die Pläne einsehen wollten, um hier vor ihrem bevorstehenden Rückzug einiges zu verstecken.
Ueber die Grube “Honsbësch” und die 122 Refraktäre informiert das Dokumentationszentrum im ehemaligen Schloss Saintignon in Lasauvage.
r. fleischhauer








