Eine traurige Grenzgeschichte II

 

 

Eine traurige Grenzgeschichte : Fortsetzung.

 

 

Im « Déifferdanger Magazin » Nr 9 vom September 2011 hatten wir von einer Kriegstrauung berichtet, welche über die luxemburgisch-französische Grenzlinie hinweg vollzogen wurde. Ein Zeitungsartikel berichtete damals über diese ungewöhnliche Trauung, jedoch ohne nähere Angaben. Es taten sich also etliche Fragen auf, die wir jetzt dank der Reaktionen verschiedener Personen beantworten können.

 

 

Zuerst meldete sich Herr Jean-Claude Kujawa aus Oberkorn, der mit Recht der Meinung war, dass diese Trauung nur im Januar 1940 stattgefunden haben konnte. Deutschland befand sich damals schon in einer Art Stellungskrieg mit Frankreich, der sogenannten « Drôle de Guerre ». Luxemburg tat alles, um seine Neutralität zu bewahren, was dem Land allerdings nichts nutzte wie man am 10. Mai desselben Jahres feststellen mußte. Wahrscheinlich war diese Neutralität, die Heirat mit einem französischen Militär und die Furcht vor Spionage die Ursache für die ungewöhnliche, heute kaum vorstellbare Trauungszeremonie.

 

Mme Charlotte Ziger vom Literaturarchiv Mersch erinnerte sich an das Bild in der Zeitung und fand heraus, dass der Artikel in der « Revue » Nr 6 vom 10. Februar 1940 erschienen war. Das deckt sich also mit der Annahme von Herrn Kujawa.

 

Schliesslich und das war der Glücksfall, meldete sich der Sohn des Paares, der in Kehlen wohnhafte Herr Antoine Residori. Er konnte den Hergang in den richtigen Zusammenhang stellen.

 

Sein Vater, Amédée Residori war Franzose (italienischer Abstammung). Er arbeitete vor dem Krieg in Differdingen im Hochofenbetrieb. Bei Kriegsausbruch meldete er sich freiwillig zur französischen Marine. Er wurde U-Bootfahrer und war in Toulon stationiert. Er hatte allerdings schon Jahre vorher ein Verhältnis mit Marie-Madeleine Krippeler aus Differdingen und war bereits Vater eines Sohnes, der 1938 zur Welt kam und einer Tochter, welche 1939 geboren wurde. Eine Heirat war hauptsächlich wegen des Widerstandes innerhalb der Familie nicht möglich. Jetzt, als Soldat schien er endlich seine Marie-Madeleine über eine Kriegstrauung heiraten zu können. Die Trauung konnte nun nach dem bekannten Muster  in der Nähe des « Baache Jang » vollzogen werden.

 

 

 

Es sollte jedoch der Neuvermählten nicht gegönnt sein, ihren Ehemann wieder zu sehen. Marie-Madeleine Krippeler verstarb am 3. September 1942 an Lungenentzündung. Sie wohnte mit Mutter und Geschwistern in ärmlichen Verhältnissen auf dem « Rollesberg » weit entfernt von der Ortschaft. Im Haus gab es kein Wasser und kein Licht. Sie musste das Wasser von einem Hydranten der Gemeinde bis zum Haus schleppen und zog sich dabei diese damals tödliche Krankheit zu.

 

Nach dem Krieg arbeitete Amédée Residori als Bergmann auf « Renkert ». Sein Sohn Antoine und seine Tochter Marie-Thérèse wurden von der allein lebenden Großmutter erzogen. « Si woar keng bong », sagt Antoine Residori heute. Die Erziehung war hart. Während der Besatzungszeit brachte Mme Thérèse Lambert, vormals Krippeler als « Passeur » 98 Flüchtlinge, Deserteure, von der Gestapo Gesuchte usw. über die Grenze nach Frankreich und wurde dafür nach dem Krieg vom Luxemburger und vom französischen Staat mit einer Médaille belohnt. « Einmal hatte sie 4 Russen in ihrem Haus versteckt », erzählt Antoine Residori, « nachts steckte sie die Flüchtlinge zusammen mit mir ins « Reetshaischen », damit ich nichts verraten konnte. Mehrmals schlief die Familie nachts in einem Erzstollen, um der Gestapo zu entgehen. Thérèse Lambert besass auch eine Pistole, mit der sie ohne zu zögern auf die deutsche Polizei geschossen hätte, behauptet Antoine. Die Befreiung durch die Amerikaner rettete die Familie in letzter Sekunde vor der Verhaftung resp. Deportierung.

 

Nachträglich gesehen muß man Thérèse Lambert zu diesen stillen Heldinnen zählen, welche im Gegensatz zu vielen anderen sich auch nach diesen schlimmen Jahren nicht bemerkbar machten.

 

Doch die Trauung auf dem Differdinger Berg über die Grenzlinie hinweg wird wohl einzigartig bleiben.

 

 

Bildunterschrift : Die Familie Residori-Krippeler mit ihren Kindern Antoine und Marie-Thérèse

 

 

Herr Antoine Residori

 

 

 

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